Berliner Literaturfestival : Die Sprache um den Finger des Begehrens wickeln

Arabische Dichtung ist rückständig, märchenhaft und aus der Magie des „heiligen Wahnsinns“ geboren? Das derzeitige Berliner Literaturfestival widerlegt dieses Klischee.

Ulrike Baureithel
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Algerien trifft Libanon. Rachid Boudjedra (2.v.l.) und Joumana Haddad (2.v.r.). -Foto: Ali Ghandtschi

„Wer arabische Gesellschaften kennenlernen möchte, sollte zum Roman greifen“ – und weniger den Experten vertrauen. Dieser Zusatz stammt zwar nicht von dem irakischen Autor Ali Bader, doch seinem Rat sollte folgen, wer von einigen Gesprächsrunden des Internationalen Literaturfestivals enttäuscht von dannen zieht. Wie leicht es ist, arabische Literatur feilzubieten und wie schwer, Orient und Okzident zu einem Austausch zu bringen, musste bereits die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung erfahren, als sie im Nachklang der Buchmesse 2004 mit dem Schwerpunkt Arabische Liga Vertreter beider Kulturkreise einlud. Gegenseitige Stereotype werden auch unter Intellektuellen gepflegt. Dazu gehört das Klischee, arabische Dichtung sei rückständig, märchenhaft und aus der Magie des „heiligen Wahnsinns“ geboren.

Ein grandioses kulturelles Erbe und der politische Ausverkauf der Sprache in den vielfach von diktatorischen Systemen beherrschten Ländern: In diesem Spannungsfeld bewegt sich die arabische Literatur, die Ulrich Schreiber und sein engagiertes Team dieses Jahr vorstellen. Am überzeugendsten ist sie dort, wo sie von den „Rändern“ kommt, in Form von „Grabungen“, wie es die libanesische Schriftstellerin Alawiyya Sobh ausdrückt. Die Neubesetzung der Sprache geht bei ihr einher mit der Rückeroberung des Körpers, und so thematisiert sie, was die klassische Literatur in ihren Arabesken verschwinden lässt: Gewalt und Unterdrückung, soziales Elend und Entmächtigung. Dass über Sex und weibliches Begehren zu schreiben für eine arabische Frau schon einen Tabubruch bedeutet und nur dies sie auf ein westliches Podium spült, empört Sobhs Beiruter Kollegin Joumana Haddad. Gleich zu Beginn fegt sie respektlos die akademischen Einlassungen von Moderatorin Barbara Winckler beiseite.

In der 1001-Nacht-Erzählung erkennt Rachid Boudjedra zwar auch eine raffinierte Männerfantasie, aber man spürt doch, dass er dieser „Wiederkehr Liliths“ (so heißt ein Gedichtband von Haddad) reserviert begegnet. Der algerische Drehbuchautor und die beiden Frauen, die „die Sprache um den Finger ihres Begehrens wickeln“ – dazwischen liegen Welten. Wurden die algerischen Prostituierten, wie Malek Alloula in seinem Buch „Der koloniale Harem“ zeigt, von den Kolonialfotografen noch stellvertretend für das Land entblößt, führen diese modernen Frauen inzwischen selbst Regie.

Was in die platte Einsicht mündet, dass es den arabischen Raum und die arabische Literatur nicht gibt und die Generationen unterschiedlich auf koloniale Überformung oder Unterdrückung reagieren. Und auf Moderatoren, die manchmal überfordert sind oder aus falsch verstandenem Diskriminierungsverbot ihre Gäste durch den Abend stolpern lassen. Lebendig zog Marie-Claude Sauid-Hesse das Publikum in Bann; ihre vier Gesprächspartner spielten begeistert mit. Die Veranstaltung zur „irakischen Exilliteratur“ (in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung) war ein Höhepunkt des bisherigen Redemarathons.

Dort konnte man auch von Vorurteilen Abschied nehmen. Dass ein Iraker nicht aufgrund politischer Verfolgung das Land verlassen und zum Schreiben kommen sollte wie Jabbar Yassin Hussein, sondern weil er dem Traum von Hollywood nachjagte, passt so gar nicht ins Opferklischee. Mit der Regiekarriere hat es bei Samuel Shimon, der in einem multikulturellen Umfeld im Irak aufwuchs, in Syrien als angeblicher Jude gefoltert, für die Falangisten im Libanon kämpfte und entführt wurde und zehn Jahre lang obdachlos in Paris lebte, am Ende nicht geklappt. Doch nicht die erlittenen Qualen haben ihn getrieben, sondern der Wunsch, dass seine autobiografischen Geschichten das Kopfkino beim Leser freisetzt.

Die ältere Generation erlebte den Sprachverlust erst im Exil dramatisch. „Wörter wie Mutter, Vater oder nach Hause kommen habe ich nie mehr verwendet“, erklärte Hussein – und musste in der neu erworbenen Sprache fremde Gefühle erlernen. Jüngere Iraker wie Ali Bader oder Abbas Khider empfanden die sprachliche Entleerung und das Exilgefühl dagegen schon vor der Emigration. Für sie bedeutete der Wechsel in die fremde Sprache auch Schutz: „Wenn ich arabisch schreibe, handelt alles nur vom Leid. Das Deutsche hält mich auf Distanz“, so Khider, der in Deutschland studiert hat und nach vergeblichen Rückkehrversuchen in Berlin lebt.

Ein anderer Grund könnte darin liegen, dass es im Arabischen schwerer ist, in der ersten Person zu schreiben. Davon berichtet nicht nur Shimon. Sein algerischer Kollege Boudjedra erklärt das mit der Neigung seiner Landsleute zur Verstellung. Andererseits haben die westliche Ich-Philosophie des 19. Jahrhunderts und der Existenzialismus die arabische Geistesgeschichte beeinflusst – wie überhaupt die Austauscheffekte größer sind als es die Abgrenzung des Westens vom „Islam“ wahrhaben will. Sonja Hegasy vom Zentrum Moderner Orient Berlin beklagt die Verfestigung der Stereotype.

Bilder vereinfachen komplexe Verhältnisse und bleiben deshalb wirkmächtiger, bestätigt François Zabbal. Die Scheherazade im Harem des Sultans ist so ein Bild. Es handelt von List der Opfer durch Betörung. Vor betörenden Erzählungen fürchtet sich der Westen, vor allem, wenn dabei seine eigene Identität auf dem Spiel steht. Wird Literatur daraus, könnten beide Seiten gewinnen.

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