Berliner Parks (14) : Hasenheide: Der gerupfte Schwan

Sie ist die Proletarierin unter Berlins Grünflächen: ruppig, rau, trotzdem herzlich, etwas verwildert und garantiert nicht gentrifizierbar. Eine Liebeserklärung an die Hasenheide.

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Urstromtal. Die Besucher der Hasenheide holen sich gern die Bänke auf die Grünfläche. An schönen Sommerwochenenden kommen rund 30.000 Menschen in den Volkspark, im Herbst sind es weniger.Alle Bilder anzeigen
Foto: Kitty Kleist-Heinrich
26.10.2012 17:19Urstromtal. Die Besucher der Hasenheide holen sich gern die Bänke auf die Grünfläche. An schönen Sommerwochenenden kommen rund...

Turnvater Jahn sieht merkwürdig aus. Der Kopf des Bronze-Manns ist unter einem Astronautenhelm verschwunden, ein böser Scherz, entpuppt sich der Helm bei genauerem Hinsehen doch als festgeklebter blauer Gymnastikball, aus dem die Silikonmasse auf Jahns Gehrock heruntertropft. Es geschah in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober, schon viermal in diesem Jahr wurde das Denkmal für den Pionier der Leibesertüchtigungen verunstaltet. Bernd Kanert seufzt. Nicht leicht, den Kopfputz zu entfernen, ohne die Statue zu beschädigen.

Als Leiter des Neuköllner Grünflächenamts ist Kanert der oberste Dienstherr der Hasenheide. Seit über 25 Jahren arbeitet er hier. Wenn einer sich auskennt auf den 50 Hektar Grünfläche zwischen dem besseren Teil von Kreuzberg und dem Problemkiez Nord-Neukölln, zwischen Columbiadamm und dem Boulevard Hasenheide, dann er. Bernd Kanert weiß über die gut 50 Baumarten Bescheid, die Eschen und Eiben, Birken und Linden, den Berg- und den Spitzahorn und natürlich die Eichen, deren Laub für den wunderbar modrigen Herbstgeruch sorgt. Er spricht pragmatisch über die „BTM-Problematik“: BTM wie Betäubungsmittel – bekanntlich ist die Hasenheide Berlins größter Drogenumschlagplatz, in den Büschen warten Dutzende Dealer auf Kundschaft. Und er verteidigt die Gepflogenheit der Besucher, die rund 200 Parkbänke munter auf die Wiesen zu tragen. Solange sie nicht demoliert werden, geht das in Ordnung. Und solange man drauf sitzen kann, dürfen auch ramponierte Bänke bleiben und werden nicht entsorgt.

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Urstromtal. Die Besucher der Hasenheide holen sich gern die Bänke auf die Grünfläche. An schönen Sommerwochenenden kommen rund 30.000 Menschen in den Volkspark, im Herbst sind es weniger.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Kitty Kleist-Heinrich
26.10.2012 17:19Urstromtal. Die Besucher der Hasenheide holen sich gern die Bänke auf die Grünfläche. An schönen Sommerwochenenden kommen rund...

Bernd Kanert hat andere Sorgen. Das Geld ist knapp im Bezirk, Baumschnitt, Rasenmähen und Spielplatzwartung werden mittlerweile von Auftragsfirmen erledigt, seine Leute können sich nur noch um die „Havarien“ kümmern, um Vandalismus wie beim behelmten Turnvater Jahn. Ein Park, der nicht gepflegt wird, verwahrlost schnell, sagt er. Zumal hier nicht mehr wie früher die Streetworker unterwegs sind.

Die Bäume ficht das nicht an. Nicht die mächtige, von einer runden Holzbank umfriedete Jahn-Eiche an der Fontane-, Ecke Karlsbader Straße, mit 350 Jahren der Methusalem hier. Das leuchtende Herbstlaub der anderen Baumveteranen im Südostteil des Parks trotzt dem grauen Oktoberhimmel, sie haben gut 200 Jahre auf dem Buckel, mehr nicht. Denn der Weidegrund fürs Bauernvieh war im 17. Jahrhundert zum kurfürstlichen Jagdrevier samt Hasenzwinger umgewandelt worden, bis Preußens Militär das Gelände für einen Schießplatz abholzen ließ.

Das schafft Platz, bis heute. Für die Bongotrommler, Frisbeewerfer und Sonnenanbeter, Tai-Chi-Jünger und Multikulti-Kicker wie das Little Africa Allstar Team. Auch die Grillfreunde kamen gerne hierher, bis die Tempelhofer Freiheit auf der anderen Seite des Columbiadamms attraktivere Grillplätze bieten konnte. Die schnelleren Sportarten sind ebenfalls abgewandert, einschließlich der Kids, die Drachen steigen lassen. Dank der Öffnung des Flughafengeländes hat auch die Hasenheide neue Freiheiten gewonnen. Der Park kommt wieder zu sich.

Die Bauern prozessierten seinerzeit übrigens gegen den Kurfürsten. Das ist unsere Weide, klagten sie vor Gericht. Ein echter Volkspark ist die Hasenheide bis heute, ein Alltagspark mit

Gebrauchswiesen, Spieltischen für Skatdrescher und Schachspieler, mit Schilfteich, Tiergehege und großen Spielplätzen, Rosengarten und Rhododendronhain, dem unverwüstlichen Minigolfplatz, der beliebten, betonüberdachten Hasenschenke aus den fünfziger Jahren und dem Freiluftkino im früheren Naturtheater mit seinen 1100 Plätzen.

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