Kultur : Berliner Philharmonie: Die Spitze des Eisbergs

Ulrich Amling

Restaurantkritiker, die zeilenreich über zu volle Teller klagen, enttarnt der erfahrene Leser sofort als Snobs und betrachtet sie entsprechend spöttisch. Wer den Überfluss nicht aushält, der bleibe dem Luxus besser fern - und besuche stattdessen zum Beispiel einen der Berliner Konzertsäle. Dort war Verschwendungssucht auf höchstem Niveau bislang selten anzutreffen. Doch jetzt hat sich Kent Nagano aufgemacht, die klassische Dramaturgie des Konzertabends aufzubrechen. Dabei geht es dem Chef des Deutschen Symphonieorchesters (DSO) nicht um noch mehr Sahneschnitten, sondern um Vollwertiges: Erkenntnisgewinn statt Kalorienbomben. Doch wie viel gedankliche Delikatesse verträgt man an einem Abend, der sich über drei Stunden erstreckt?

Gouldberg-Variationen

Nach der ungewöhnlichen Kombination von Ockeghem, Webern und Mahler zu Beginn der Konzertsaison haben Nagano und das DSO diesmal Bachs Goldberg-Variationen und Bruckners fünfte Sinfonie zusammengespannt: zwei Schwindel erregende Gipfel-Besteigungen vor vollem Haus. Und wie wurde es prächtig ausgeleuchtet, Bachs pianistisches Monumentalwerk, dessen Interpretationen gleich einem Eisberg meist nur zu einem Zehntel aus dem Meer der Möglichkeiten ragen. Andras Schiff vermisst die dem schlaflosen Graf Keyserlingk gewidmeten Variationen mit besessener Genauigkeit neu - und siehe, es ist gewaltiger denn je zuvor. Wie man es nicht anders von ihm erwarten konnte, verzichtet der Ungar mitnichten auf sämtliche Wiederholungen, und doch klingt das Gleiche bei ihm niemals gleich. Statt dessen vollbringt er Wunder der Stimmführung, und erspielt eine ungeheure Dichte, die sich jeglicher Vereinfachung etwa durch forciertes rhythmisches Voranpreschen konsequent verschließt.

Unwillkürlich denkt man an Glenn Gould, für den in den Goldberg-Variationen das Beste direkt neben dem Dümmsten von Bach steht. Gould spulte deswegen mitunter gerne ein bisschen vor - bis zum nächsten Highlight. Nichts liegt Schiff ferner. Für ihn geht es immer bergan. Als das Ziel nach gut 70 Minuten erreicht ist, erklingt die Aria neu - geklärt, erhärtet und fern. Der innere Nachhall währt lange.

Hier wäre der Kritiker gerne in die stille Nacht entschwunden, um dem musikalischen Reichtum mit Muße nachzugehen. Um nicht als Snob zu gelten, ist er geblieben. Aber nach Schiffs Kunst der Verfeinerung erscheint die Brucknersche Blockbauweise allzu grob, obwohl das DSO prächtig aufgelegt ist, mit hingebungsvollen Streichern und maßvollen Blechbläsern. Dazu ein Kent Nagano, der mit sanfter Beharrlichkeit jeden Neuansatz glaubhaft machen kann. Doch wo liegt das Scharnier zwischen den Solitären, wo der Beziehungszauber? Sicher, Choräle gibt es bei Bach und Bruckner, doch ihr Einsatz könnte nicht unterschiedlicher motiviert sein. Natürlich sind beide Werke auf ihrer Basslinie aufgebaut, aber weder Schiff noch Nagano erweisen sich als wahre Mystiker des tiefen Pulsierens - wie etwa Gould und Günter Wand. Was bleibt also aufzuzeigen? Dass es der Wunder auch zu viele geben kann. Und dass als Snob zu gelten mitunter hilfreich ist.

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