Kultur : Berliner sind Freunde

Kent Nagano und das Deutsche Symphonie-Orchester spielen in Marzahn, um ein Theater zu retten

Jörg Königsdorf

Den stattlichen Bau sieht man schon von weitem. So hell strahlt das Licht durch die hohe, vollverglaste Fassade, dass die dunkelorangefarbenen Straßenlaternen an der sechsspurigen Chaussee wie trübe Funzeln wirken. Überall weiße und blaue Luftballons und Schilder, die auf die baldige Eröffnung hinweisen. Was auch dem letzten klar macht, dass dieser Bau kein Theater sein kann - denn die machen bekanntlich ja nur zu. Hier in Biesdorf, dem, nun ja, edleren Teil von Marzahn, ebenso wie überall sonst im Land. Der schmucke, einladend strahlende Bau ist die neue BMW-Niederlassung am Ort, hat aber trotzdem mit dem Theater zu tun: Nicht nur, weil das „Soziokulturelle Zentrum Theater am Park“, kurz TAP genannt und spärlich beleuchtet, gleich nebenan liegt, sondern weil Herr Wagner, der Leiter des Autohauses, dafür verantwortlich ist, dass an diesem Abend im TAP etwas anderes stattfindet als der übliche „Senioren-Talente-Mix“ oder das Kindertheater Rasselbande mit „Bommel auf der Osterwiese“. Nämlich Hochkultur.

Zur Eröffnung hat Herr Wagner dafür gesorgt, dass Stardirigent Kent Nagano und das Deutsche Symphonie-Orchester kommen und hier eine Bruckner-Sinfonie spielen. Hundert Elitemusiker in einem Saal, der etwa so viele Sitze hat wie ein mittelgroßes Kino (ungefähr 350) und in dessen staubtrockener Akustik klassische Musik nicht gerade besonders schmeichelhaft klingt. Aber Schwamm drüber, um die Musik geht es ja gar nicht. Sondern darum, das TAP tatsächlich Ende August geschlossen werden soll, und dass diese Aktion nach dem Willen des Autohaus-Chefs ein Zeichen setzen soll. „Gute Nachbarn helfen einander“ sagt er, und deshalb habe man auch fast alle Karten für das Konzert dem Bezirk zur Verfügung gestellt. Gut geht es der Kultur hier schon lange nicht. Ganze 97000 Euro habe sie monatlich zur Verfügung, um die Kultureinrichtungen des Bezirks, ein Museum, eine Galerie und ein Ausstellungszentrum überhaupt am Laufen zu halten, rechnet SPD-Kulturstadträtin Marlitt Köhnke vor. Dazu noch einmal 30000 Euro aus dem Bezirkskulturfonds, mit denen Veranstaltungen unterstützt und Honorare bezahlt werden. Da könne man sich die 4800 Euro Betriebskosten für das TAP schlichtweg nicht mehr leisten.

Und will es wohl auch nicht. Der schmucklose Betonbau, der in den Sechzigerjahren als Probensaal des Erich-Weinert-Ensembles, des Tanz- und Theaterensembles der Nationalen Volksarmee, gebaut wurde, ist ein Sanierungsfall. Auf 2,5 Millionen Euro schätzt der Verein, der sich seit kurzem um die Rettung des Gebäudes bemüht, die Sanierungskosten. Seit der Wende, als die Immobilie vom Verteidigungsministerium an das Land Berlin abgetreten wurde, läuft das Theater nur mit ABM-Kräften. Ein Auslaufmodell – Veranstaltungen mit mehr als 99 Besuchern dürfen hier nach baupolizeilichem Verbot ohnehin nicht mehr durchgeführt werden, das Angebot von immerhin etwa 200 Veranstaltungen pro Jahr, versichert Köhnke, lasse sich auch in anderen Räumlichkeiten des Bezirks wie den Freizeitforen in Marzahn und Hellersdorf durchführen.

Große Illusionen, das TAP doch noch vor der drohenden Abrissbirne zu retten, macht sich keiner. Die Bezirkspolitiker zucken nur hilflos mit den Achseln, und auch Herr Wagner von BMW hält sich bedeckt, was Versprechungen angeht. Über dieses einmalige Engagement hinaus wolle man erst einmal keine Verpflichtungen eingehen – im Übrigen unterstütze BMW auch schon die Jugendverkehrsschule in Hellersdorf.

Wie aussichtslos die Situation für Kultur hier ist, zeigt schon ein Blick über die Straße. Dort modert in einer denkmalgeschützten Parkanlage Schloss Biesdorf vor sich hin, ein prachtvolles Landhaus mit großer Vergangenheit, das eigentlich kulturelles Schmuck- und Herzstück des ganzen Bezirks sein müsste. Einst residierte hier Geheimrat Werner von Siemens, heute fristet eine Galerie ihr kümmerliches Dasein hinter den bröckelnden Fassaden. Nicht einmal für das Schloss ist Geld da - nur die vage Hoffnung, die sich mit den Zauberworten „Sponsor“ und „Investor“ verbindet.

In diesem Umfeld wirken die Gäste aus dem Westen der Stadt tatsächlich noch wie Besucher von einem anderen Stern. Angesichts der Summen, die unter normalen Umständen Gastspiele und Dirigentenhonorare in der Preisklasse des Deutschen Symphonie-Orchesters verschlingen, sind sie es wohl auch. Dass sie dennoch gekommen sind und die Edelakustik der Philharmonie einen Abend lang mit einer heillos schäbigen himmelblauen Pappkulisse vertauscht haben, hat freilich auch programmatische Bedeutung.

Inzwischen beginnen auch in Deutschland die Orchester zu begreifen, dass sie nicht darauf vertrauen können, dass sich die Konzertsäle von selbst füllen, sondern dass sie ihr Publikum an der Haustür abholen müssen. Die musikalische Breitenarbeit, die bei den Sinfonieorchestern der USA als „Community outreach program“ üblich ist, hat mit Dirigenten wie Rattle und Nagano auch in Berlin Einzug gehalten. In Chicago, St. Louis und Atlanta ist es längst gang und gäbe, dass die Musiker in wechselnden Formationen nicht nur Jugendarbeit machen, sondern auch durch Auftritte in Rathäusern und bei Gottesdiensten ihr Orchester in der Stadt verankern – wohlgemerkt ohne Extrahonorar, sondern als integraler Bestandteil ihrer Arbeit. Bis allerdings die Menschen von Marzahn in die Philharmonie strömen, wird es wohl noch ein wenig Zeit brauchen. Und noch ein paar Bruckner-Sinfonien mehr.

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