Berliner Staatskapelle : Zeitenwende

Daniel Barenboim und die Berliner Staatskapelle laden zum Bruckner-Marathon. Sechs Konzerte in acht Tagen stehen auf dem Programm. Ein Probenbesuch.

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Funkhaus Nalepastraße, Großer Sendesaal. „Das sind doch keine 32stel!“, ruft Daniel Barenboim. Er will die Punktierten schärfer, im Finalsatz von Bruckners Siebter. Das Piano ist ihm zu äußerlich, das Fortissimo zu unvermittelt – die Staatskapelle und ihr Chefdirigent arbeiten an der Ausdrucksintensität der Sinfonie. Hier, im legendären holzvertäfelten Aufnahmesaal des DDR-Rundfunks mit seinen Halbsäulen, Wandgittern und der fantastischen Akustik hat das Orchester schon alle Beethoven- und Schumann-Sinfonien aufgenommen, „Fidelio“, drei Wagner-Opern ... „Ich kenne weltweit kein besseres Aufnahmestudio“, schwärmt Barenboim.

Nun proben sie Bruckner, sechs Sinfonien täglich bis halb vier, danach kommt der Bass-Bariton René Pape, für die Wagner-CD-Aufnahmen bis in den Abend. Klassik-Marathon à la Barenboim.

Die Staatsoper zieht um, Anfang Juni hatte man zum großen Kehraus Unter den Linden geladen. Weil die Interims-Ära im Schillertheater erst im Oktober beginnt und Barenboim nun mal ein Tausendsassa ist, macht man trotz Umzugsstress Zwischenstation in der Philharmonie, auf halbem Weg zwischen Boulevard Ost und Bismarckstraße West. Heute beginnt der Konzert-Marathon: Bruckners Sinfonien 4 bis 9 kombiniert das Orchester mit je einem Beethoven-Konzert. Aus proben-ökonomischen Gründen: Beethoven hat es drauf.

Barenboim liebt Zyklen. Weil sie die Entwicklung eines Komponisten offenlegen. „Bei Bruckner bleibt sich das Idiom ähnlich. Aber seine Suche nach Harmonie, über mehrere Sinfonien, das ist interessant“, erklärt er Zigarre rauchend in der Sonne hinter dem gerundeten Klinkerbau auf dem geschichtsträchtigen 50er-JahreGelände. Klar, so ein Zyklus ist anstrengend, vor allem für die Blechbläser. „Aber die Musiker wollen unbedingt mitmachen“, freut sich der 67-Jährige, „wie beim Mahler-Zyklus 2007: Da spielte der Konzertmeister alle zehn Sinfonien!“ Barenboim selbst absolviert die Proben in orthopädischen Sandalen. Er schwört darauf; Dirigieren im Sitzen ist nicht gut für den Rücken. Auch wenn er sich an diesem Nachmittag irgendwann doch seinen hohen Hocker aufs Pult wuchten wird.

Bruckner und Barenboim – eine lange Geschichte. Rafael Kubelik riet dem 15-Jährigen auf Konzertreise in Australien, zu den Bruckner-Proben zu kommen. Eine Initialzündung. „Sie spielten gerade das Scherzo der Neunten, es klang wie Schostakowitsch, unglaublich.“ Und weil es von Bruckner so gut wie nichts für Klavier gibt, wurde Barenboim Dirigent. 1974, zum 150. Geburtstag des österreichischen Komponisten, schrieb er im Tagesspiegel über die mystische Erfahrung bei Bruckner. Heute, nachdem er alle neun Sinfonien erst mit dem Chicago Symphony Orchestra, dann mit den Berliner Philharmonikern eingespielt hat, fasziniert ihn die Gleichzeitigkeit der drei Zeitebenen. „Bruckners Struktur ist klassisch, fast barock. Die musikalische Sprache ist spätromantisch, und die Atmosphäre, die Psychologie bringt einen zurück ins Mittelalter. Das 14., das 17., das späte 19. Jahrhundert – ein immenser Reichtum.“

Dabei hilft Wagner. Barenboim hat irgendwann gemerkt, dass ein Wagner-erprobtes Orchester wie die Staatskapelle den Reichtum besonders gut zum Klingen bringt. Wegen der hohen Flexibilität bei der Phrasierung, der Linienführung und der Bedeutung der Harmonie. Das Tempo? Wird viel zu wichtig genommen, schimpft er. Wichtiger ist der Umgang mit den himmlischen Längen. Bei über zweistündigen Wagner-Akten – „Meistersinger“, „Götterdämmerung“ – lernt man das Haushalten. „Jede Komposition hat nur einen Höhepunkt, da muss man die Steigerungen strategisch planen.“ Barenboim ist gegen Taktik in der Musik, aber Strategie, erklärt er, ist etwas anderes. „Die Frage bei Bruckner ist ja nicht nur: Geht es vom Piano bis zum Mezzoforte oder zum Fortissimo, sondern auch, in welcher Geschwindigkeit über wie viele Takte?“

In der abgetreppten Wanne des Sendesaals hat er mit dem Orchester gerade an den Nuancen einer Modulation gearbeitet, im Adagio der Achten. Sanft verdämmert die Klarinette; immer wieder probiert Barenboim das Ersterben der alten und das Aufblühen einer neuen Welt. Ein Decrescendo der höheren Art.

Und wie hält er es mit der Religion? Die Zigarren-Pause ist vorbei, aber für die Gretchenfrage nimmt sich der Dirigent noch kurz Zeit, spricht über den Zusammenhang zwischen der Dreifaltigkeit und den drei Themen in allen Bruckner-Sinfonien außer der Sechsten. „Aber man spürt auch“, Barenboim zögert, „nicht gerade Widerstand, aber doch den Willen, von der katholischen Frömmigkeit wegzukommen. Bruckners Musik ist wegen der unaufgelösten Dissonanzen, die ja immer Ambivalenz bedeuten, sehr erotisch. Aber es ist eine unterdrückte Sinnlichkeit. Sie will zum Vorschein kommen und weiß nicht recht, wie.“

Barenboim springt auf, schnell noch ein Satz zur Sanierung der Lindenoper. Plastische Chirurgie, lacht er. „Die meisten Leute finden sich nach so einer Operation schöner, jünger, ohne Falten. Genau das ist meine Hoffnung für die Staatsoper.“ Sagt’s und eilt mit seinen MBT–Schaukelsandalen über die geschwungene Freitreppe hoch in den Saal zum Orchester, wo René Pape und Parsifal warten.

Beethoven-Bruckner-Zyklus, 20. - 27. 6, Philharmonie. Restkarten: www.staatsoper-berlin.de. – Den Sendesaal in der Nalepastraße kann man bei Führungen besichtigen. Infos: www.nalepastrasse.de

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