Kultur : Berliner Stadtschloss: Bitte, jetzt nicht diskutieren

Helmut Caspar

Was wird in zehn Jahren auf dem Berliner Schlossplatz stehen? Der Ideen, Berlins wichtigste Brache zu bestücken, gibt es viele. Diskutanten und Zuhörer der dritten und letzten Gesprächsrunde in der Akademie der Künste zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Berlins Mitte schieden ratlos und auch unzufrieden voneinander. Zwar will Akademiepräsident György Konrad die wichtigsten Ergebnisse der mit der Bundeszentrale für politische Bildung veranstalteten Debatte der Expertenkommission "Historische Mitte Berlin" übermitteln. Doch hält sich die Akademie von klaren Voten fern. Müsste sie eine Empfehlung abgeben, liefe sie wohl auf einen Neubau unter Einbeziehung geborgener Trümmer hinaus. Konrad empfahl, die Leere als "Gnade und Versuchung" zu begreifen und zu warten, bis eine wirklich angemessene Lösung gefunden wird.

Die abendliche Diskussion am Hanseatenweg litt darunter, dass dezidierte Befürworter eines Wiederaufbaues nicht mitreden durften - eine Diskussion zwischen Podium und Saal ließ Moderator Peter Zlonicky zu fortgeschrittener Stunde nicht zu. So war es den dort sitzenden Expertinnen und Experten ein Leichtes, eine Rekonstruktion pauschal als "zehnmal so groß wie das Adlon und zehnmal so schlecht" abzuqualifizieren und von "Disney-World" zu sprechen. Auf dem Podium wurde eingeräumt, es gebe eine breite Mehrheit für die Schloss-Rekonstruktion unter den Berlinern, genährt eher durch das Misstrauen gegenüber den Leistungen heutiger Stararchitekten als durch ausgesprochene Liebe zum alten Schloss. Das sei aber kein Argument für die Zunft, das Feld nun den Kopisten und Rekonstrukteuren zu überlassen, sondern müsse als Herausforderung angenommen werden. Wilhelm von Boddiens Schlossattrappe sollten nun endlich Alternativen entgegen gesetzt werden, forderte die Architektin Hannelore Deubzer und rief Entwürfe aus den frühen neunziger Jahren in Erinnerung.

Eingeleitet wurde der Abend durch Referate der französischen Denkmalschutz-Expertin Françoise Choay, die an barbarische Denkmalvernichtungen im Paris des 19. Jahrhunderts erinnerte und die Schwierigkeiten beschrieb, solche leeren Orte angemessen zu füllen, sowie des Architekturkritikers und, wie er selber sagte, "ausgesprochen unbelehrbaren Gegners der Schlossrekonstruktion", Wolfgang Pehnt. Technisch sei ein Wiederaufbau machbar: "Doch würde eine Kopie nicht das Original beleidigen? Außerdem: Geschichte ist nicht ersetzbar, zerstörte Denkmäler lassen sich nicht zurückholen", sagte Pehnt. Er denkt an eine "durchsichtige Versammlung" von Bauten mit unterschiedlicher, aber immer kultureller Nutzung, sozusagen an Spielräume, keis an ein aus den Dahlemer Sammlungen gebildetes Supermuseum, etwa einen "Louvre hoch 2".

Einer der Diskutanten, der Krakauer Architekt Romuald Loegler, beschrieb den Unterschied zwischen dem Warschauer und dem Berliner Schloss. Der Wiederaufbau des von den Nazis zerstörten polnischen Königssitzes sei nach 1945 eine nationale Aufgabe gewesen, bezahlt von der ganzen Bevölkerung und untermauert durch zahllose Trümmerstücke, die die Rekonstruktion erleichterten. Berlin sollte nicht der Versuchung unterliegen, Geschichte durch Herstellung einer Replik zu korrigieren.

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