Berliner Volksbühne : Das ist unser Haus

Im Mainstream gelandete Avantgarde: Die Kult-Performance „The show must go on“ von Jérôme Bel macht Halt in der Volksbühne.

Popsongs und nicht immer ganz ernst gemeinte Tänzchen machen Bels Performance aus.
Popsongs und nicht immer ganz ernst gemeinte Tänzchen machen Bels Performance aus.Foto: David Baltzer / Volksbühne

Besser als die Volksbühne selbst könnte man das Problem gar nicht auf den Punkt bringen. „Ausgezeichnet in New York mit dem berühmten Bessie Award“, steht im Ankündigungstext zur jüngsten Premiere am Rosa-Luxemburg-Platz, „tourt ,The show must go on‘ seit 15 Jahren erfolgreich durch 30 Länder.“ Genau: Ein (völlig zu Recht) durchgesetzter Bühnenhit, der bereits überall zu sehen war. Die im Mainstream gelandete Avantgarde von (vor-)gestern.

Nicht, dass Jérôme Bels seinerzeit grandioser Tanzkonventionsbruch heute keinen Charme mehr hätte. Wenn 25 Performer ihre Körper maximal unballettös und gern semi-ironisch zu 19 immergrünen Popsongs von „Killing me softly“ bis zum titelgebenden Queen-Hit „The show must go on“ schütteln, kann naturgemäß schon wegen des sentimentalen Wiedererkennungswerts der Playlist wenig schiefgehen. Den größten gemeinsamen Nenner des popkulturellen Kollektivgedächtnisses anzuzapfen, funktioniert ja eigentlich immer.

Weshalb auch schnell allerbeste Betriebsweihnachtsfeier- oder auch wechselweise selige Retro-Disko- beziehungsweise Feuerzeug-Laune herrscht in der deutlich nicht ausverkauften Volksbühne, wenn die Akteure die Lyrics ganz buchstäblich nehmen. Zu „I like to move it“ werden ausdauernd einzelne Waden, Becken, Brüste oder Haarschöpfe geschüttelt, zu „Yellow Submarine“ leuchtet die zuvor heruntergefahrene Bühne in tadellosem Gelb, zu „The Sound of Silence“ wird partiell der Ton ausgeschaltet und zu „I’ve been watching you“ von der Rampe aus durch gestrenge Performer-Augen stumm und frontal das Publikum beobachtet. Irgendwann erklingt – was man selbstredend als Anspielung auf die Volksbühnensituation verstehen darf – auch mal kurz die Liedzeile „Das ist unser Haus“ aus dem Rauch-Haus-Song von Ton Steine Scherben.

Bis jetzt läuft nicht viel an Dercons Volksbühne

Tatsächlich wäre so ein Abend überall dort, wo man genügend andere Positionen im Repertoire hat, eine charmante saisonale Spielplanergänzung. Das aber ist an der Dercon-Volksbühne bis jetzt bekanntlich nicht der Fall. Zumal auch „Waffenruhe“, die einzige Januar-Premiere neben einer Arbeit auf der Onlineplattform Fullscreen, offenbar aus nicht viel mehr als einer nächtlichen Projektion von Fotografien auf die Volksbühnen-Fassade bestehen wird. Auch wenn der Abend hausintern als Uraufführung firmiert. Eine andere ursprünglich für Januar angekündigte deutsche Erstaufführung – Yael Bartanas „Was, wenn Frauen die Welt regieren“ nach Motiven von Stanley Kubrick – wurde in den April verschoben.

„The show must go on“, steht im aktuellen Spielzeit-Heft, werde „von Mitarbeitern der Volksbühne neu interpretiert.“ Also nicht nur von Bühnenprofis, sondern vor allem von Beschäftigten hinter den Kulissen. Aber selbst dieser Plan hat höchstens halb funktioniert. De facto teilen sich jetzt ein paar Volksbühnen-Mitarbeiter aus Produktionsleitung, Regieassistenz, Technik, Kassen- oder Abenddienst die Bühne mit Dercon-Volksbühnen-Stammkünstlern wie Anne Tismer oder Frank Willens und Leuten etwa aus dem Umfeld von Boris Charmatz oder auch der freien Berliner Szene.

Performativer Protest am Premierenabend

„Andreas Lossau lebt als Clown und Schauspieler in Berlin, zur Volksbühne kam er über eine Freundin aus der Kostümabteilung“, lautet eine typische Kurzbiografie vom Programmzettel, der alle Mitwirkenden entsprechend aufführt. So viel zur ursprünglich geplanten Teambildungs-Maßnahme.

Ansonsten gibt es von der Volksbühnen-Front noch eine neue Form des performativen Protests zu vermelden: Am Premierenabend von „The show must go on“ liegen – ein bemerkenswert hoher Körpereinsatz bei den niedrigen Temperaturen – auf den Treppenstufen vor den Eingängen lauter bewegungslose junge Leute, die man, um ins Haus zu gelangen, übersteigen muss. Neben sich haben sie Zettel mit der Aufschrift platziert: „Nur über meine Leiche.“

wieder am 30. und 31.12.

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