Berliner Volksbühne : Leander Haußmann inszeniert "Rosmersholm"

In der letzten Zeit hat man wenig von Leander Haußmann gesehen. Dafür war er politisch aktiv: In der Müggelsee-Wutbürger-Initiative. Am Freitag gab er sein Theater-Comeback.

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Gutsherr und Hausfreundin. Annika Kuhl (Rebekka) und Peter Lohmeyer (Rosmer). Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
Gutsherr und Hausfreundin. Annika Kuhl (Rebekka) und Peter Lohmeyer (Rosmer). Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Von den Bühnen der Hochkultur hat sich der Film- und Theaterregisseur Leander Haußmann in letzter Zeit eher fern gehalten. Was nicht heißt, dass er untätig war. Im „Spiegel“ konnte man ihn unlängst in einer neuen, revolutionären Rolle bestaunen: Leander Haußmann hat sich zu einer Art Widerstandsikone der Müggelsee-Wutbürger-Initiative entwickelt, die wacker gegen die drohende Beschallung durch den neuen Großflughafen kämpft.

Am Freitag gab der Regisseur nun nach achtjähriger Abstinenz sein TheaterComeback. An der Volksbühne – und mit einem Stück von Henrik Ibsen, das aus gutem Grund seltener auf dem Spielplan steht als „Nora“ oder „Peer Gynt“.

„Rosmersholm“ strotzt vor Moral-Appellen und Werte-Debatten, die in heutigen Ohren recht drollig klingen. Wo der Müggelsee-Bewohner um die Werterhaltung seines Eigenheims kämpft, brüstet man sich auf dem alten norwegischen Herrenhof Rosmersholm damit, gleich die ganze Spezies retten zu wollen. „Ich will versuchen, die Menschen wachzurufen“, tönt es mit gebotenem Pathos aus Ibsens Drama. In selbigem hat sich Johannes Rosmer zum Leidwesen seines konservativen Schwagers Kroll weitgehend von gesellschaftlichen Zwängen befreit. Schuld an dieser Entwicklung trägt nicht unwesentlich die Hausfreundin und Freidenkerin Rebekka West, die nach dem Freitod von Rosmers Gattin Beate auf Rosmersholm nach Gutdünken „schaltet und waltet“. Unter den entsprechenden gesellschaftspolitischen Dauer-Debatten legt Ibsen Stück für Stück den Fakt frei, dass Beate mitnichten von einer Geisteskrankheit, sondern vielmehr von Rebekka in den Mühlbach getrieben wurde. Rebekka hat nämlich nicht nur eine standesungemäße Vergangenheit zu vertuschen, sondern seit jeher ein „maßloses Verlangen“ nach Rosmer.

Man hätte darauf wetten können, dass ein Regisseur diesseits der 60, zumal an der Berliner Volksbühne, eine schrille Parodie aus dem dekonstruktivistischen Theaterfundus daraus macht oder einen Beziehungsthriller im David-LynchStil. Haußmann hat sich für eine Konversations-Soap entschieden, im historisierenden Gewand. Uli Hanisch, der an Filmen wie Schlingensiefs „Kettensägenmassaker“, Sönke Wortmanns „Wunder von Bern“ oder Tom Tykwers „Drei“ beteiligt war, hat Herrn Rosmer eine Gründerzeit-Sitzgruppe auf die Bühne gebaut: Mittig thront eine Couch, auf dem sich ein Großteil des dreieinhalbstündigen Abends abspielt; daneben Sessel, ein Schrank, ein Grammophon. Kostümbildnerin Doris Haußmann, die Mutter des Regisseurs, hat das Personal in passende Klamotten gesteckt.

Nach dem ersten Akt wird ein Vorhang gelüftet, der den Blick auf eine sinnig gen Himmel mäandernde Freitreppenanlage freigibt. In dieses Bauwerk kann man vom stairway to heaven bis zum Sexualsymbol à la Freud, der das Drama in seiner „Rosmersholm-Studie“ auf die Couch legte, nach Lust und Laune alles hineininterpretieren. Der Abend lässt für solche Überlegungen in jedem Fall ausreichend Zeit.

Auf Trab gehalten wird man von den Dialogpartnern, die sich jeweils zum Plausch auf dem Dreisitzer niederlassen, nämlich maximal bis zum Ende des ersten Akts. Bis dahin fragt man sich, ob die Komik, mit der etwa Peter Lohmeyer als Rosmer seine Hände in die Luft wirft und feuchten Auges Lebenserkenntnisse referiert, freiwilliger oder unfreiwilliger Natur ist. Wenn kurz darauf Rosmers früherer Lehrer (Uwe Dag Berlin) mit schwerfälligem Theater-Humor auf einen Sessel pinkeln muss oder Kroll (Ralf Dittrich) den Salon durch den Gründerzeitschrank entern und mit Rebekka (Annika Kuhl) ein Tänzchen aufs Parkett legen darf, ist die Frage schnell zugunsten der Freiwilligkeit entschieden – und der Rest des Abends zunehmend zäh. Die Minimalparodie, die Haußmann als Alternative zur schrillen Dekonstruktion im Blick hat, ermüdet dann doch. Für deren Gelingen hätte es einen Subtilhumor und eine Vielschichtigkeit gebraucht, die allein Margit Carstensen als Haushälterin an den Tag legt. Ansonsten läuft das Ding mehr oder weniger in einer Tonart durch – und wird zur Herausforderung für die Augenlider.

wieder am 24. und 25. September

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