Kultur : Berlinische Galerie: Dreißig Millionen auf Eis

Nicola Kuhn

Der Sommer verregnet, da verspricht der Herbst heiß zu werden. Nicht sonnig, sondern hitzig im Kampf um die Kulturmittel. Für die Bühnenhäuser der Stadt ist die Saison bereits eröffnet. Als nächstes könnten die Museen folgen. Zumindest einer der Direktoren hat sich schon einmal in Position gebracht, mit einem Furor, wie man ihn sonst nur von Theaterintendanten kennt. Mit einer flammenden Rede wandte er sich in der Akademie der Künste an die Öffentlichkeit und bat - was sonst? - um finanzielle Unterstützung. Nicht um den laufenden Betrieb aufrecht zu halten, denn den gibt es seit Abschiebung des Museums ins Depot vor drei Jahren nicht mehr, sondern um das ihm versprochene eigene Haus richtig bestellen zu können.

Jörn Merkert, Chef der Berlinischen Galerie, hat Ort und Zeit für diesen Appell perfekt gewählt. Nur mochte manchem Zuhörer bei den im Raum schwirrenden Zahlen der Schwindel erfassen: 11 Millionen, am besten 30 Millionen Mark, damit das Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur in seinem neuen Kreuzberger Quartier, den Kellergewölben der ehemaligen Schultheiss-Brauerei, eine adäquate Bleibe findet.

Zu Beginn versprach Merkert, nicht "selbstvergessene Traumtänzereien eines Direktors, der den Boden unter den Füßen verloren hat", vorzutragen. Angesichts der sich immer höher schraubenden Kosten und weiter in die einstigen Eiskeller vordringenden Ausstellungsräume konnte der Museumsmann dennoch nicht ganz jenen Eindruck zerstreuen. Als Gewährsfrau für Bodenhaftung nannte er deshalb erstmals öffentlich den Namen der neuen Vorsitzenden des Fördervereins: Annette Fugmann-Heesing, der schon als Finanzsenatorin das Kunststück gelungen war, gegenüber den Investoren die Kosten für einen ersten museumsgerechten Ausbau von 32 Millionen auf 23,5 Millionen Mark zu senken. Nun will sie der Berlinischen Galerie als Fundraiserin zu einer Überwindung der damals erzielten Minimallösung verhelfen. Denn mit jenen damals verabredeten 6800 Quadratmetern hat man die gleiche Fläche wie im einstigen Übergangsdomizil Martin-Gropius-Bau, und es fehlen die Depots - "das wäre wie eine Oper ohne Orchestergraben", so Merkert.

Also müssen mehr Hallen her, die es en masse unter dem Brauerei-Gelände gibt und nur der Umwandlung in Ausstellungsräume harren. Merkerts sogenannte "kleine abgerundete Lösung" würde weitere 2805 Quadratmeter für Depots, Ausstellungshalle, Multifunktionssaal, Café, eventhall erbringen und doch nur "knapp den Mindestanforderungen für einen praktikablen Museumsbetrieb genügen". Deshalb hat der Direktor sogleich "die große Lösung" ins Auge gefasst mit insgesamt 14 484 Quadratmetern und endgültig ausreichendem Platz, um die derzeit sage und schreibe 350 000 Mark für Außendepots einsparen zu können. Allerdings sind dafür weitere 19 Millionen Mark aufzubringen und die Steigerung der Betriebskosten auf jährlich eine halbe Million zu sichern.

Was also tun? Um Ideen ist Merkert nicht verlegen: Die einzelnen Hallen könnte man für eine Million Mark an Sponsoren "verkaufen" und jeweils nach ihrem Gönner taufen. Die Bibliothek ließe sich etwa Holtzbrinck-Bibliothek nennen. Vierzig der in den letzten Jahren betreuten Künstler könnten für eine Benefiz-Auktion Bilder schenken und deren Käufer das Werk - "gegen Spendenquittung" - wiederum der Berlinischen Galerie vermachen. Außerdem sind die Fußbodenplatten der nach Gründungsdirektor Eberhard Roters benannten Ausstellungshalle symbolisch zu erwerben; mit Namensgravur, versteht sich.

Freilich wird all das nicht reichen. Womit die Vorschlagsrunde ans Plenum geht, das einstweilen nur wissen will, wieviel denn schon in der Sammelbüchse steckt. Die Saison ist also eröffnet, und der Aufstand, den das Theater schon länger probt, soll endlich auch das Museum und sein Publikum erfassen. Für die Berlinische Galerie mit ihren 500 000 Sammlungsstücken würde es sich lohnen.

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