Kultur : Berlins Kultur-Krise: Die Zukunft gehört den Zynikern (Leitartikel)

Rüdiger Schaper

Ein Mann kommt verzweifelt zum Psychiater und fragt: Was ist ein Tisch? Wie viele Zentimeter kann man von den Beinen absägen? Kürzt man ungleichmäßig, wackelt der Tisch. Kürzt man gleichmäßig radikal, bekommt man einen niedrigen Teetisch - und am Ende hat man nur noch ein flach am Boden liegendes Brett. Der Patient dreht durch, der Arzt zeigt sich dem existenziellen Problem des Mannes nicht gewachsen. Was ist der Grenzwert, wann ist der abgesägte Tisch eindeutig kein Tisch mehr?

Das ist keine philosophische Spielerei, sondern die präzise Beschreibung der kulturpolitischen Misere in Berlin. Seit zehn Jahren, seit der Wende, wird am Kulturhaushalt gekürzt und gesägt und gestrichen - ein gutes Ende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Kultursenator Christoph Stölzl hat den Bühnen eröffnet, sie hätten noch einmal fünf Prozent aus ihren gepressten Budgets zu sparen. In den Theatern der Hauptstadt geht zu Beginn der neuen Saison das Entsetzen um, gepaart mit Ungläubigkeit. Will Stölzl exekutieren, wofür sich seine Vorgängerin Christa Thoben nicht hergab - die Planierung der hauptstädtischen Bühnenlandschaft?

Übrigens: Die geniale Tisch-Nummer entstammt der Tragikomödie "Mr. Pilks Irrenhaus", früher einmal ein Kultstück des Off-Theaters. Inzwischen scheint sich die gesamte Kulturszene in ein Tollhaus verwandelt zu haben. Die Staatsbetriebe arbeiten unter Bedingungen, welche die so genannte freie Szene kennzeichnen: ohne finanzielle Sicherung und mit kulturpolitischen Zusagen, die so viel Wert haben wie ein Politikerwort im Wahlkampf. Klaus Wowereit, der Fraktionsvorsitzende der Berliner SPD, wirft Stölzl vor, er habe sich bei den Etatverhandlungen "über den Tisch ziehen lassen". Wie das? Haben wir keine Große Koalition im Senat? Arbeiten CDU und SPD nicht zusammen?

Fünf Monate ist Christoph Stölzl nun im Amt. Er hatte kaum den Eid geleistet, da schien sich die Stimmung in der Kulturszene schon gewaltig verbessert zu haben. Stölzl, dem früheren Museumsdirektor und Mitbegründer des Rates für die Künste, schlug das Vertrauen in hohen Wellen entgegen. Endlich einer, der die richtige Sprache spricht, der Optimismus verbreitet. "Die Zukunft gehört den Fröhlichen", hatte Stölzl frohlockt - und er hätte sogleich zynisch hinzufügen können: "Froh zu sein bedarf es wenig".

Nie zuvor war die kulturpolitische Situation der Stadt derart beängstigend. Aber auch noch nie so klar und eindeutig: Die Hauptstadt ist Realität geworden. Die alten Ausreden ziehen nicht mehr. Der Senat kann sich nicht mit dem bevorstehenden Ende der Legislaturperiode oder anderen politischen Instabilitäten herausreden. Die allgemeinen Wirtschaftsdaten haben sich verbessert. Wann sonst, wenn nicht jetzt, müssen die Konditionen für eine internationale, hauptstädtische Kultur geschaffen werden? Was sinnvoll und notwendig ist und Zukunft hat, kann nie zu teuer sein.

Das gilt auch für Kulturstaatsminister Michael Naumann. Mit der Übernahme der Berliner Festspiele und einiger anderer Einrichtungen von nationalem Rang darf sich der Bund noch nicht aus der Affäre ziehen. Es gilt aber in erster Linie für den Regierenden Bürgermeister. Eberhard Diepgen setzt Kultur nicht als Priorität. Berlins Politiker vermitteln durch die Bank den Eindruck, Kultur sei letztlich eine Last. Selbst Stölzl gibt sich neuerdings kleinlaut. Der new deal der Berliner Kulturpolitik war schnell erledigt. Bald bricht er zusammen, der Katzentisch der Berliner Kultur - unter dem Gezerre der fröhlichen Zyniker und Ignoranten.

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