Berlins Senatskanzleichef über das Filmhaus : Die Zukunft ist digital

Warum Berlin ein Medienhaus 4.0 braucht. Ein Plädoyer von Björn Böhning.

Unendliche Weiten. Blick ins Filmmuseum am Potsdamer Platz
Unendliche Weiten. Blick ins Filmmuseum am Potsdamer PlatzDeutsche Kinemathek/Marian Stefanowski

Seit einigen Monaten wird intensiv über den Neubau eines zentralen Filmhauses in Berlin diskutiert. Die Idee ist nicht neu. Sie wurde bereits einmal umgesetzt, um zur Wiederbebauung des Potsdamer Platzes einen öffentlichen Ankermieter zu erhalten. Nun haben sich – ausgehend von der alles andere als optimalen Unterbringung der Stiftung Deutsche Kinemathek – die Akteure aufgemacht, diese Idee zu erneuern. Es scheint sich ein Fenster aufzutun, das die Errichtung eines solchen Hauses näher rücken lasst. Der bereits unterzeichnete Hauptstadtfinanzierungsvertrag sieht vor, dass ein Grundstück am Martin-Gropius-Bau in die Verantwortung des Bundes übertragen wird. Derzeit wird diese Fläche neben dem Gropius-Bau vor allem als Parkplatz genutzt, zukünftig könnte hier nun ein neues Gebäude entstehen.

Das Interesse daran, dass an dieser Stelle ein Filmhaus gebaut wird, ist groß. Wichtige Berliner Filmakteure wie Berlinale-Chef Dieter Kosslick oder der Künstlerische Direktor der Kinemathek, Rainer Rother, sprechen sich dafür aus. Dabei wird argumentiert, dass Berlin als Filmhauptstadt auch einen zentralen und sichtbaren Ort des Films haben sollte. Diese Auffassung teile ich, und auch im Bund scheint es dafür Sympathien zu geben.

Darüber hinaus besteht auch aus praktischer Sicht zunehmend Handlungsbedarf, denn die Mietverträge wichtiger Filminstitutionen im Sony-Center am Potsdamer Platz laufen im Jahr 2025 aus. Davon betroffen sind die Stiftung Deutsche Kinemathek mit dem Museum für Film und Fernsehen, das Institut für Film- und Videokunst mit den Arsenalkinos und die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Es stellt sich die Frage: Was passiert nach dem Jahr 2025? Wie soll es weitergehen? Wo sollen diese Einrichtungen ihren Sitz haben?

Es ist also aus vielen Gründen an der Zeit, sich über die Zukunft der Berliner Filmeinrichtungen Gedanken zu machen. Dabei greifen die bisherigen Überlegungen aus meiner Sicht allerdings zu kurz: Ein reines Filmhaus zu errichten, in dem nur Filmeinrichtungen wie die Berlinale-Verwaltung, die Kinemathek mit dem Filmmuseum oder das Arsenal mit dem Institut für Film- und Videokunst untergebracht werden, halte ich für zu klein gedacht. Denn diese Vorstellung spiegelt die Zukunft des Filmschaffens und des Filmgeschäfts nicht ausreichend wider.

Natürlich spielt der Film eine herausragende Rolle in und für Berlin – nicht nur geschichtlich, sondern auch aktuell. Mit über 300 Langfilmen (Kino und TV) pro Jahr, mit international preisgekrönten Großproduktionen und mit zahlreichen Festivals – allen voran der Berlinale – ist die Hauptstadtregion der Filmstandort Nummer 1 in Deutschland. Das alles ist unbestritten und würde vermutlich schon ausreichen, um den Bau eines zentralen Filmhauses in Berlin zu rechtfertigen.

Alles vermischt sich mit allem

Aber ähnlich wie die gesamte Medienlandschaft verändert sich auch die Filmbranche zusehends. Die Digitalisierung revolutioniert die Art und Weise, wie Filme produziert und vermarktet werden. Es ist eine Binsenweisheit, aber es stimmt nach wie vor: Die Zukunft ist digital!

Genau dieser digitale Zukunftsaspekt fehlt mir in der Debatte um ein neues Filmhaus. Das bisherige Konzept vernachlässigt, wie die Digitalisierung das Filmschaffen und das Filmgeschäft verändern beziehungsweise bereits verändert haben. Schon jetzt verschmelzen die Grenzen zwischen den Sparten und den Auswertungsschienen audiovisueller Produkte. Inhalte werden in Form klassischer Spiel- und Fernsehfilme, als Games-Formate oder in der Virtual Reality eingesetzt. Alles vermischt sich in der neuen Film- und Digitalwelt miteinander.

Deshalb sollten wir uns trauen, bei der Diskussion um einen zentralen Filmstandort in Berlin größer und weiter zu denken als bisher. Was mir vorschwebt, ist kein reines Filmhaus, sondern ein Haus der audiovisuellen Medien. Ein Haus, in dem nicht nur Akteure aus der Film-, sondern auch aus der Digitalbranche ihren Platz haben. Ein Ort der Zusammenarbeit und gegenseitigen Bereicherung, kurzum: ein Ort, an dem die Medien der Zukunft in einen spannenden Dialog gesetzt werden.

Konkret müsste es aus meiner Sicht darum gehen, ein übergreifendes Medienhaus zu schaffen, in dem Institutionen und Akteure aus der Film- und Digitalbranche zusammenkommen, um neben ihren Kernaufgaben gemeinsame Projekte durchzuführen. Das neue Haus könnte Raum geben für Austausch und Ideenentwicklung. Es könnte ein Ort sein, an dem die Produktion audiovisueller Medien in einem größeren Zusammenhang gedacht, diskutiert und entwickelt wird. Ein Haus, in dem verbunden wird, was bisher noch zu sehr nebeneinander steht (wie zum Beispiel die Film- und Games-Produktion).

Warum zum Beispiel sollte nicht die neue, weltweit größte Sammlung an Computer- und Videospielen, deren Zusammenlegung vom Bund finanziert wurde, hier einziehen? Dann könnte auch das Computerspielemuseum ein Partner des neuen Standorts werden. Dies alles würde im Übrigen viel besser zur Medienstadt Berlin passen als ein einfaches Filmhaus 2.0. Berlin braucht stattdessen das Medienhaus 4.0.

Nur ein solches Medienhaus 4.0 wäre auch der richtige Standort für die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin. Die Zukunft der DFFB liegt in einer „360-Grad-Ausbildung“ – mit Kamera-, Regie-, Schnitt- oder Drehbuchausbildung vom klassischen Kinofilm über serielle Formate bis zu digitalen Inhalten. Dafür braucht die DFFB endlich einen Uni-Campus, auf dem Kommunikation und Kreativität gedeihen können, statt wie heute in den verwinkelten Gängen im Gebäude am Potsdamer Platz abgeschnürt zu werden. Die DFFB der Zukunft muss in einem kreativen Umfeld verortet sein, wie es sie in Berlin allerdings zahlreich auch anderswo gibt. Nur ein Medienhaus 4.0 schafft nachhaltig einen kreativen Mediencampus, der den künftigen Bedarf der Film- und Fernsehakademie decken kann.

Wie es mit dem Grundstück am Martin-Gropius-Bau nun in den nächsten Monaten weitergeht, das hängt vor allem vom Bund als künftigem Grundstückseigner ab. Ich würde es sehr begrüßen, wenn sich eine neue Bundesregierung nach der Bundestagswahl die Umsetzung eines audiovisuellen Medienhauses auf die Fahnen schreibt. Die Medienstadt Berlin würde dieses Projekt so gut wie möglich unterstützen. Die Zeit dafür ist so günstig wie nie.

Wenn das bisherige Konzept für ein Filmhaus also so verändert wird, dass ein echtes audiovisuelles Medienhaus mit internationaler Ausstrahlung entsteht, wäre das nicht nur für die Hauptstadt ein großer Gewinn. Auch der Film hätte in Berlin dann einen dauerhaften und zentralen Ort, der zugleich den Erfordernissen der digitalen Welt gerecht wird.

Björn Böhning, SPD, ist Chef der Berliner Senatskanzlei und Staatssekretär für Medien.

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