Kultur : Berlins SoHo: nur so lala

Nicola Kuhn

Das Ausstellungshaus ist wegen seines Finanzgebarens in die Kritik geraten. In der Krise steckt auch die Galerienmeile AugustraßeNicola Kuhn

Irgendwie kann er immer noch nicht die Aufregung über den gegenwärtigen Zustand der Kunst-Werke verstehen - und das Gerede um seine Person. Das Schlimmste sei doch eigentlich überwunden, versucht Klaus Biesenbach, künstlerischer Leiter und Mitbegründer des Ausstellungshauses in der Auguststraße, dem Strom der Gerüchte entgegenzurudern. Schließlich habe Berlins bekannteste Adresse für aktuelle Kunst seit Februar in Judith Becker endlich wieder eine Geschäftsführerin (wenn auch die dritte auf diesem Posten innerhalb nicht einmal eines Jahres), und sowohl das selbst in Auftrag gegebene Gutachten als auch die Sonderprüfung des Kultursenates hätten keine Unregelmäßigkeiten im Umgang mit öffentlichen Geldern zu Tage befördert.

Die Krise geht um in der Szene junger Kunst, die so frisch, frech und werbewirksam Berlins Aufbruch in den neunziger Jahren symbolisierte - in der Spandauer Vorstadt, dort wo kurz nach dem Mauerfall alles seinen Anfang nahm, trägt sie für viele sogar einen Namen: Kunst-Werke. 1991 in einer ehemaligen Margarine-Fabrik gegründet, war sie das Epizentrum eines urbanen Bebens, bei dem am Ende aus einem völlig herunter gekommenen Innenstadt-Viertel ein Galerienzentrum wurde, das heute auf wenige Straßenzüge verteilt rund fünfzig Einrichtungen beherbergt. SoHo-Effekt hat man das genannt, und ähnlich wie in New York trieb er auch in den ruinösen Hinterhöfen von Berlin-Mitte die schönsten Blüten.

Mit Etablierung und Erfolgszwang aber verlor die einst mainstream-kritische Kunstmeile nicht nur ihren ursprünglichen Charme, sondern auch die Grundlage des Galerienwunders. Denn die Mieten stiegen. Schon hört man von Abwanderungsbewegungen der Künstler, die schon damals als erste kamen: zurück nach Kreuzberg oder ins immer noch erschwingliche Friedrichshain. Sogar reüssierte Galeristen klagen, dass sich nur die Mieten, nicht aber die Einkünfte vervielfältigt haben.

Die gegenwärtigen Probleme der Kunst-Werke stehen beispielhaft für diese Situation. Die Baufälligkeit des Gebäudes machte eine umfangreiche Sanierung notwendig. Seit der Wiedereröffnung aber stiegen nicht nur die Kosten, sondern auch die Erwartungen. Mit einer erweiterten Ausstellungsfläche von 2500 Quadratmetern spielt die Einrichtung plötzlich in einer höheren Liga mit und muss dem Vergleich mit ähnlich ambitionierten Häusern - wie etwa der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig - standhalten. Gerade darin aber besteht die Crux: dass niemand so recht die Funktion des Hauses definiert. Ist es Sprungbrett junger Kunst oder Federbett für alte? Ist es Startblock für Berlinisches oder Auffangbecken für international kursierender Shows?

An diesem Punkt wäre eigentlich der Berliner Kultursenat gefragt, der seine Hände jedoch in Unschuld wäscht. Die Verwaltung weist vehement die Vorwürfe zurück, seiner Aufsichtspflicht nicht nachgekommen zu sein. Allein, was die Betreuung des 10 Millionen Mark teuren Umbaus betrifft, muss dies jedoch bezweifelt werden. Die Leitung der Kunst-Werke selbst war mit dieser Aufgabe offensichtlich überfordert. Auch wenn sich im Nachhinein die offiziell auf knapp eine Million Mark bezifferten Mehrkosten durch die typischen Unwägbarkeiten beim Restaurieren historischer Gebäude erklären lassen, so zeugen sie doch von Verantwortungslosigkeit gegenüber Handwerksbetrieben, die wegen der ausbleibenden Zahlungen kurz vor dem Ruin stehen. Auch die federführende Architektin Johanne Nalbach wartet bis heute vergeblich auf die Erfüllung eines vor Monaten unterschriebenen Zahlungsplans. Im dritten Anlauf mit der dritten Geschäftsführerin soll das nun endlich werden. Laut Eberhard Mayntz, Vorstandsmitglied des Trägervereins, will man die fehlenden Gelder durch "Sponsoren, Auktionen und Anbohren öffentlicher Töpfe" aufbringen.

So strahlend weiß das Barockhaus und die Hofgebäude, so silbrig glänzend das neue Café "Bravo" nun auch dastehen mögen, sie umgibt der Ruch der Hochstaplerei. Gleichzeitig hat Klaus Biesenbach alle Hände voll zu tun, dass der Anschein vom Gehäuse nicht auch noch aufs Innere überspringt. Denn seit der Wiedereröffnung mehren sich die kritischen Stimmen an seinen Ausstellungen: Sie wirken wie hereingeflattert, die programmatische Begründung erscheint nachgereicht. So zieren höchst sparsam die in Kunststoff gerahmten Filmstills von Matthew Barneys neuestem Werk die Wände des obersten Geschosses, Carsten Höller avanciert mit seinen Skulpturen zum Daueraussteller, und die neu hinzugewonnene Halle füllt allein Pjotr Ukla¿nskis Foto-Fries "Die Nazis". Das Interesse des Publikums ist zum Greifen nah; Vernissagen und Vorträge haben ihre magnetische Wirkung nicht verloren, doch macht sich zunehmend Enttäuschung über dürftige Inhalte und schlecht moderierte Künstlergespräche breit.

Der unter Beschuss geratene künstlerische Leiter weiß dafür auch einen Schuldigen: die finanzielle Misere. Mit einem Budget von 670 000 Mark - den beiden großen Kunstvereinen der Stadt und dem Künstlerhaus Bethanien stehe weit mehr zur Verfügung - sei der Bewegungsradius eben eingeschränkt. Im Kultursenat heißt es dazu eher kühl, die Finanzierung wäre "auskömmlich berechnet". Im neuen Haushalt werde außerdem mit einer Million Mark ein höherer Ansatz in Aussicht gestellt; hinzu kommen die Mittel aus dem Hauptstadt-Kulturfonds für die zweite Berlin-Biennale. Für sie darf man übrigens Hoffnung schöpfen, seit Saskia Bos vom Amsterdamer Kulturzentrum de Appel als Kuratorin gewonnen wurde. Aber auch sonst wäre Biesenbach, der neben seinem Fulltime-Job bei den Kunst-Werken auch noch im Dienst des New Yorker Kunstzentrums P. S. 1 steht, gut beraten, sich Ko-Kuratoren ins Boot zu holen. Eine geplante Ausstellung der documenta-Macherin Catherine David wird da nicht reichen, ebenso wenig die für ein halbes Jahr als Scouts engagierten Jungkuratoren.

Schon schleichen andere potente Anwärter um das ins Gerede geratene Ausstellungshaus. Bei einer Diskussionsrunde über "Kunst in Mitte" jüngst im Neuen Berliner Kunstverein formierten sich bereits die ersten Interessenten: Vereinsdirektor Alexander Tolnay, das Künstlerhaus Bethanien, die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, der DAAD und Kustos Eugen Blume vom Hamburger Bahnhof träumen gemeinsam von einer Kunsthalle in der Ruine der Schinkelschen Elisabethkirche. Es dauerte gar nicht lange, da stand bei dem Gespräch die Überlegung im Raum, dass sich die frisch sanierten Kunst-Werke doch ideal als Kunsthalle eigneten, während mit der Elisabethkirche nur ein weiterer kostspieliger Standort eröffnet werde. Passenderweise ist die diesjährige Vortragsreihe der Kunst-Werke mit "Visionen" überschrieben. Da sollte man sich an einem der folgenden Termine einmal zusammensetzen, um über die gemeinsame Zukunft oder weitere Folgen des SoHo-Effekts Berliner Machart nachzudenken.

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