Kultur : Bernd F.Lunkewitz, Verleger

MORITZ MÜLLER-WIRTH

Bernd F.Lunkewitz ist als Immobilieninvestor vermögend geworden.Als Marxist kämpfte er 1968 für die Weltrevolution.Seit 1991 Mehrheitseigner des Berliner Aufbau-Verlages, hat sich Lunkewitz als Verleger und seinen Verlag auf den Bestsellerlisten etabliert - und ist somit einer der wenigen erfolgreichen wirtschaftlich unabhängigen Belletristik-Verleger in Deutschland.Seit Monaten führt Lunkewitz durch alle Instanzen Prozesse, weil er bezweifelt, daß die Übertragung der Eigentumsrechte am Aufbau-Verlag 1991 durch die Treuhand wirksam zustande kam.Im Gespräch mit Moritz Müller-Wirth äußert sich Lunkewitz zur Machtkonzentration im Verlagsgewerbe, zur deutschen Justiz und zur Zukunft des Sozialismus.

TAGESSPIEGEL: Herr Lunkewitz, Bertelsmann hat den Berlin Verlag gekauft.Haben Sie ein Angebot für den Aufbau-Verlag vorliegen?

LUNKEWITZ: Ich weiß ja noch nicht mal, ob mir der Aufbau-Verlag gehört.Jedes damit befaßte Gericht hat eine andere Meinung.Das Registergericht Berlin-Charlottenburg hat, wie Sie ja auch gemeldet haben, gerade erklärt, daß nach wie vor der gemeinnützige Kulturbund Eigentümer des Aufbau-Verlages ist.Diese Entscheidung ist gut begründet und mit überzeugenden Beweisen versehen.Der Aufbau-Verlag ist also in der Vergangenheit ein paar Mal zu oft verkauft worden, unter anderem von der Treuhandanstalt, der er gar nicht gehörte.Aber selbst wenn man mir ein Angebot machen würde: dem Verlag geht es gut, er ist sehr erfolgreich, warum sollte ich verkaufen?

TAGESSPIEGEL: Sie hatten schon immer Sinn für Geschäfte.Außerdem müssen sich Unternehmer auch daran messen lassen, wie sie ihr Erbe bestellen.

LUNKEWITZ: Ich schiebe das Problem vor mir her.Wie Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld denke ich über die Gründung einer Stiftung nach.Noch will ich die Macht nicht aus der Hand geben, aber ich will auch nicht irgendwelchen nervigen Erben, von denen ich nicht weiß, welche literarischen Visionen sie haben, den Verlag in die Hand geben.Dem literarischen Verständnis meiner Frau könnte ich trauen, aber dann? In diesem Zusammenhang bin ich ein Freund der Adoptiverben.Auch das römische Reich ist gut damit gefahren, daß Kaiser adoptiert wurden.

TAGESSPIEGEL: Auch ein Adoptiv-Erbe könnte der Versuchung erliegen, sich in die bequeme Obhut eines Großkonzerns zu begeben.

LUNKEWITZ: Die einzige Großkonzern-Variante, die ich mir vorstellen könnte ist die, daß der Aufbau-Verlag selbst ein Großkonzern wird.

TAGESSPIEGEL: Sie haben in den letzten Jahren mit den Klemperer-Tagebüchern, mit Kerrs Berlin-Briefen und jetzt mit Brigitte Reimanns Tagebüchern literarisch für Furore gesorgt.Was ist der Verlag heute wert?

LUNKEWITZ: Wenn ich verkaufen wollte? Keine Ahnung, jedenfalls weniger, als ich reingesteckt habe.Was soll ich machen, wenn ich den Verlag verkaufe? Mein Golf-Handicap verbessern? Das ist mir zu langweilig.Mir macht das Kämpfen einen Riesenspaß.

TAGESSPIEGEL: Wieso mußte es ausgerechnet im Verlagsgewerbe sein?

LUNKEWITZ: Ich habe im Immobilien-Geschäft gekämpft - und gewonnen.Aber schließlich war das alles nur noch Routine.Im stillen Kämmerlein Geld zu zählen, reizt mich nicht.Als Verleger kämpfe ich jetzt wie in einer römischen Arena vor großem Publikum.Wenn da so ein kleiner Gladiator aus der fernen Provinz ankommt und gegen die Großen antritt, das bringt Spannung und ist jeden Tag aufregend.

TAGESSPIEGEL: Da hätten Sie auch in die Automobilbranche gehen können.

LUNKEWITZ: Man soll sich ja nicht übernehmen.Im übrigen: Die Lastwagenfabrik von Daimler-Benz macht mehr Umsatz, als alle deutschen Verlage zusammen.Ich sage es noch mal: Es geht mir nicht um Geld, solange die Existenz gesichert ist.Die Verlage sind nur wichtig wegen der Konzentration geistigen Kapitals, die dort stattfindet.Der Aufbau-Verlag hat eine wichtige Tradition im Geiste von Aufklärung und Emanzipation.Ich versuche als Verleger, deutsche Autoren zu fördern, die wieder emotional packende, dramatisch strukturierte Romane und Novellen schreiben wollen.Die Zeiten des hermetischen Literaturbetriebes sind vorbei.Nach dreißig Jahren "Suhrkamp-Kultur" haben die deutschen Autoren weniger als zehn Prozent und die anglo-amerikanische Literatur fast achtzig Prozent Marktanteil.Die deutschen Autoren müssen besser schreiben, die Verleger müssen sie besser lektorieren und der Buchhandel muß sie besser verkaufen.

TAGESSPIEGEL: Ihr ständiger Kampf trägt nicht unbedingt zu Ihrer Beliebtheit in der Branche bei.Sie gelten als arrogant und als Prozeßhansel.

LUNKEWITZ: Ich bin manchmal ungeduldig.Aber die Programme der Aufbau-Verlage können sich sehen lassen.Gegen den Trend der Branche werden wir in diesem Jahr einen großen Umsatzzuwachs haben.Und was das Prozessieren angeht: Ich bestehe auf der Anwendung der Spielregeln in unserer Gesellschaft.Das sind nun mal die Gesetze.Die Eigentumsverhältnisse am Aufbau-Verlag müssen geklärt werden.Dafür muß ich sorgen, schon aus Verantwortung für die Mitarbeiter und Autoren.

TAGESSPIEGEL: Jetzt hat Ihnen das Kammergericht bestätigt, daß der Verlag Ihnen gehört.

LUNKEWITZ: Die Eigentumsgarantie des Grundgesetzes gilt auch für den wirklichen Eigentümer, den Kulturbund e.V., auch wenn das der Treuhand / BvS oder dem Kammergericht nicht paßt.Letztlich hat das Kammergericht aus politischen Gründen der "Staatsräson" sein Urteil angefertigt und dabei den Boden der Gesetze verlassen.Ein trauriger Tiefpunkt der Rechtssprechung ausgerechnet des Kammergerichts.Das muß notfalls das Verfassungsgericht klären.

TAGESSPIEGEL: Sie werfen also den Richtern Rechtsbeugung vor?

LUNKEWITZ: Ich werfe ihnen vor, Politik statt Recht zu sprechen.Die Richterin am Registergericht hat dagegen die Gesetze ohne Ansehung der Person angewendet und nicht nach politischen Vorgaben geurteilt.Sich als Richter in so einem politischen Fall gegen das Kammergericht zu stellen, erfordert viel Mut und das Vertrauen darauf, daß sich letztlich die Wahrheit durchsetzt.

TAGESSPIEGEL: Vor 30 Jahren sind Sie für Ihre Überzeugungen als Marxist bei einer Demonstration von einem NPD-Ordner angeschossen worden.Heute sind Sie mehrfacher Millionär.Ihr Beitrag zur Weltrevolution?

LUNKEWITZ: Schon Anfang der siebziger Jahre habe ich gesagt, daß die Sowjetunion - und auch die Volksrepublik China - nicht den Sozialismus, sondern den Kapitalismus vorbereiten.

TAGESSPIEGEL: Das klingt damals wie heute ziemlich originell.

LUNKEWITZ: Die Oktoberrevolution hat ihr historisches Ziel erreicht, wenn Rußland kapitalistisch und damit auch demokratisch geworden ist.Auch für die anderen GUS-Staaten und China gilt das.Der Zusammenbruch des Ostblocks ist aber nicht das Ende des Sozialismus, sondern erst die Voraussetzung für eine friedliche Entwicklung zum Sozialismus.Barrikaden errichten, Fahnen schwenken, Paläste stürmen, das sind doch alles bürgerliche Protestformen.Ich glaube jedenfalls daran, daß es gelingen wird, auf diesem Planeten eine menschliche Gesellschaft ohne Krieg, ohne Unterdrückung und ohne Ausbeutung zu schaffen.Als Marxist bin ich bereit, eine solche Gesellschaft dann "sozialistisch" zu nennen.

TAGESSPIEGEL: Sie gehören zur gleichen Generation wie Gerhard Schröder.Im Gegensatz zu Schröder sind Sie 1968 wirklich auf die Barikaden gegangen.Wie Schröder rauchen Sie gerne Zigarren und halten die Vermehrung von Kapital zur Steigerung individuellen Reichtums nicht mehr für sittenwidrig.Im Gegensatz zu ihm aber bezeichnen Sie sich noch immer als Marxist.Würden Sie Wirtschaftsminister bei Gerhard Schröder werden, wenn der Sie fragt?

LUNKEWITZ: Nein, als Verleger habe ich mehr Einfluß.Aber die Sozialdemokratie ist zur Zeit mal wieder der Reparaturbetrieb des Kapitalismus.Im Prinzip unterstütze ich das.Wenn Kapitalismus, dann lieber einen effektiven, fortschrittlichen, eine freiheitliche und demokratische Form.Die neue Regierung muß soziale Einschnitte machen.Aber, wenn es nach mir ginge, müßte auch das Kapital beschnitten werden.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie Ihr Vermögen schon in Sicherheit gebracht?

LUNKEWITZ: Man kann die staatliche Gesellschaft mit einer privaten GmbH vergleichen, nur als Gesellschaft mit voller Haftung.Wenn Schwierigkeiten auftreten, wird von der Geschäftsführung erst mal ein Bankkredit genommen, dann werden die Rechnungen nur schleppend bezahlt, schließlich werden die Löhne gedrückt.Auf den Staat übertragen bedeutet das: die Staatsverschuldung hoch, Renten und Sozialleistungen runter und die Löhne runter.Wenn das aber nicht reicht, wird bei einer privaten GmbH von den Gesellschaftern, also den Eigentümern, dann beschlossen, in die Tasche zu greifen und eine Kapitaleinlage zu machen.Diesen Punkt haben wir in Deutschland erreicht.Die Eigentümer der kapitalistischen Gesellschaft sind die Kapitalisten.Die müssen jetzt eine "Kapitaleinlage" in die Firma Deutschland machen und den Laden sanieren.Wenn schon mehr gearbeitet werden muß, dann gilt das auch für die Kapitalisten.

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