Bernhard Heisig zum 90. : Monolith wider den Mainstream

Eine Ausstellung und eine Monografie würdigen den Maler Bernhard Heisig. Heute wäre er 90 geworden AdK-Debatte zum Museum der Moderne.

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Er kann nur laut. Bernhard Heisigs „Der Maler und sein Thema“ von 2005.
Er kann nur laut. Bernhard Heisigs „Der Maler und sein Thema“ von 2005.Foto: Galerie Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Er könne „keinen stillen Bilder malen“, und er habe „nicht genug Mut, um Optimist zu sein“, sind zwei Kernaussagen von Bernhard Heisig, der am 31. März 90 Jahre alt geworden wäre. Sätze wie diese werfen nicht nur ein Schlaglicht auf das Wesen und Wollen dieses großen Malers, sondern führen auch das Gerede vom Staats- und Auftragskünstler ad absurdum, das Heisig in den 1990er Jahren tief getroffen und bis zu seinem Tod 2011 beschäftigt hat. Heisig konnte gar nicht anders, als sich lebenslang sein Kriegstrauma und seinen Zivilisationspessimismus von der Seele zu malen. Das bescherte ihm nicht nur in der DDR anfangs viel Ablehnung, sondern irritierte, wie der Kunstkritiker Eduard Beaucamp treffend bemerkte, nach 1990 ein Publikum, „das gewöhnt war, Kunst nur noch als Phänomen eigener Natur und Seinsweise, unbefleckt von Realität und Geschichte, gelten zu lassen.“

Wie ein Monolith ragt Heisig aus dem künstlerischen Mainstream der Nachwendezeit heraus. Über den Umweg der Geschichte arbeitete er sich an der gesellschaftlichen Gegenwart ab. Nicht jeder konnte das aushalten. Der Kunsthistoriker Armin Zweite hat Heisig in seiner Geschichtsskepsis und im ästhetischen Anspruch, „Fragmente synthetisch herzustellen“, mit dem Dramatiker Heiner Müller verglichen. Auch Heisig wird, möchte man hinzufügen, nach seinem Tod viel zu schnell vergessen.

Kein deutsches oder internationales Museum würdigt den Maler zum 90., eine von der Hamburger Kunsthalle und dem Russischen Museum in St. Petersburg geplante Retrospektive scheiterte daran, dass sich der Hauptsponsor Gazprom aufgrund der politischen Großwetterlage zurückzog. So sind es zwei Berliner Initiativen, die Heisigs Andenken in diesem Jahr lebendig halten: Dieter Brusberg, Heisigs langjähriger Westgalerist, legte bereits 2014 im Hirmer-Verlag eine in jeder Hinsicht schwergewichtige Monografie vor, das wunderschöne Wahnsinnsprojekt lässt sich nur als tiefe Verneigung vor dem verstorbenen Freund verstehen. Rüdiger Küttner, gewissermaßen Brusbergs östliches Pendant, zeigt in der Galerie Berlin in Mitte eine Bilderschau (zusammen mit Skulpturen von Hans Brockhage), die nach Selbsteinschätzung des Galeristen die letzte profunde Verkaufsausstellung mit großen Bildern Heisigs sein könnte.

Bilder als komplexe Zustandsbeschreibungen

Neben späten, vom Rollstuhl aus gemalten kleineren Bildern wie den in ihrer französisch anmutenden Leichtigkeit ganz und gar unheisigschen „Geburtstagsblumen III“ von 2010 präsentieren Küttner und sein Partner Rainer Ebert einige museale Großformate. „Schiffbruch der Eroberer“ und „Fliegen lernen im Hinterhof“ sind 1996 entstanden und operieren nicht nur thematisch, sondern mit ihren simultanen Bildräumen und perspektivischen Freiheiten auch formal auf der Höhe der Zeit. Man hat Heisig rhetorischen Überdruck vorgeworfen, doch Bilder wie diese, so hat es Joachim Fest einmal formuliert, sind „weniger Aufrufe als komplexe Zustandsbeschreibungen“.

Fests ungemein hellsichtiger, 1995 anlässlich von Heisigs 70. Geburtstag geschriebener Essay „Das nie endende Menetekel der Geschichte“ hat Dieter Brusberg in seinem Heisig-Gedenkbuch „Gestern und in unserer Zeit“ abgedruckt. Schon dafür lohnt es sich, das bibliophil gestaltete Buch in die Hand zu nehmen, das Heisigs bildnerisches Welttheater in sechs Akten und einem an der Biografie orientierten Teil in den Blick nimmt. Vielleicht wird man Heisig, dessen große mehrteilige Arbeiten verwirrenden Panoramen gleichen, am besten mit dem multiperspektivischen Blick seiner Bilder gerecht. Das Buch versammelt neue und alte Texte über ihn, geschrieben in Ost und West, dazu zentrale Selbstäußerungen des Künstlers und unzählige Abbildungen. „Nun ist es aber fertig. Halleluja“, schreibt Brusberg als Schlusswort des Opus magnum.

Selbst Jahrgang 1935 und damit zehn Jahre jünger als Heisig, gab Brusberg 2011 seinen Standort am Kurfürstendamm in jüngere Hände und betreibt seither Kunsthandel vom Wohnhaus im Berliner Westen aus. Seine Herzenskünstler sind noch immer Gerhard Altenbourg und Bernhard Heisig, zu DDR-Zeiten Dissident der eine, der andere einflussreicher Rektor der Leipziger Kunsthochschule. „Antipoden, aber irgendwie miteinander verwandt“, findet Brusberg und berichtet über das ironisch-distanzierte, doch von gegenseitiger Achtung geprägte Nicht-Verhältnis der beiden.

Beide Künstler, so verschieden sie waren, gingen vom Individuum aus. Heisigs figurenreiches Werk betont die gleichzeitige Täter- und Opferrolle jedes Einzelnen. Darin blieb er ein Moralist, den der herrschende Zeitgeist über den politischen Systemwechsel hinweg befeuerte. „Irgendwann wird man begreifen, welch großer Geschichtenmaler Bernhard Heisig war“, sagt Dieter Brusberg. „Ich glaube, dass uns sein Widerspruchsgeist gutgetan hat.“

Dieter Brusberg (Hrsg.): Bernhard Heisig. Gestern und in unserer Zeit, Hirmer Verlag, 59,90 Euro.

Ausstellung in der Galerie Berlin, Auguststraße 19, bis 18. April

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