Kultur : Beschreibung einer Schlacht

Christian Schröder

"March For Civil Rights", steht auf dem Bettuch, Demonstration für Bürgerrechte. An seinem oberen Ende färbt es sich langsam rot, denn unter ihm liegt ein Mann, den eine Kugel mitten in den Kopf traf. Aus dem Transparent ist ein Leichentuch geworden. Es hatte ein großer Tag für die nordirische Unabhängigkeitsbewegung werden sollen. Doch der Zug der zwei-, dreitausend Menschen, die dem Transparent durch das bürgerkriegsartig belagerte Derry gefolgt waren, endete im Kugelhagel britischer Fallschirmeinheiten. Nachher lagen 13 unbewaffnete Demonstranten tot auf der Straße und der Traum vom Frieden für Nordirland war mit ihnen gestorben. Regisseur Paul Greengrass zeigt in seinem Film "Bloody Sunday" die Menschen, die an diesem 30. Januar 1972 starben, er zeigt wie sie starben, und er fragt: Wozu das alles?

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"Bloody Sunday" - eine britisch-irische Koproduktion, die bereits im englischen Fernsehen lief - versucht sich der Wirklichkeit so weit anzunähern, wie es ein Spielfilm überhaupt nur kann. Die Bilder sind grobkörnig und fast ausschließlich mit der Handkamera gemacht, es wird wild geschwenkt und gezoomt. Das Zeitkolorit abgezogen, hat man mitunter den Eindruck, der Live-Reportage eines BBC- oder Tagesschau-Kriegskorrespondenten zuzuschauen. Dem Film fehlt der Trost der Fiktionalität, Gewalt wird nicht splatterhaft verharmlost, sondern in ihrer gänzlich unglamourösen Realität gezeigt. Natürlich gibt es immer mindestens zwei Wirklichkeiten, Greengrass hat sich für die nicht-offizielle Wirklichkeit entschieden. Der Film lässt offen, wer zuerst schoss - die Fallschirmjäger oder Heckenschützen von der IRA -, sieht die Schuld für die Eskalation aber bei der zynischen Militärführung und ihrer sich in einen schieren Blutrausch hineinsteigernden Soldateska.

Erzählt wird die Geschichte des "Bloody Sunday" aus der Perspektive von zwei Figuren, die zwischen den Fronten und damit auf der richtigen Seite stehen. Der protestantische Politiker Ivan Cooper (James Nesbitt) mischt in der fast ausschließlich katholischen Bürgerrechtsbewegung mit, der katholische Halbstarke Gerry (Declan Duddy) liebt ein Mädchen aus dem falschen, weil protestantischen Teil der Stadt. Gerry ist am Ende tot, Cooper desillusioniert. Um Spannung aufzubauen, genügt es dem Film, zwischen den Lagern der Kombattanten hin- und herzuspringen: das Versammlungshaus der Bürgerrechtler, der Demonstrationszug, das Armee-Hauptquartier, die Soldaten in ihrer Deckung. Aus der Chronik eines Tages wird eine Schlachtbeschreibung. Als das Gefecht beginnt, brüllt ein Soldat: "Schieß auf die verdammten Terroristen!" Aber sein Kamerad antwortet nur irritiert: "Da ist kein Ziel, da sind nur Zivilisten. Worauf schießen wir?"

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