Kultur : Besser als ihr Ruf

Wie die Villa Grisebach Kunst und Käufer in Berlin bewertet

Michael Zajonz

Die Frage aus dem Publikum war kurz und prägnant: „Wie kunstsinnig sind Berliner Unternehmer?“ Vielleicht lag es an der Sommerhitze, dass Daniel von Schacky sogleich von der Firmensammlung der Deutschen Bank zu schwärmen begann. Vielleicht ist es aber auch nur symptomatisch, dass der Contemporary-Experte des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach nach Frankfurt, Köln oder München abschweift, sobald über das etwas sperrig formulierte Thema „Berlin – Stadt der Künste, auch eine des Kunsthandels?“ gesprochen werden soll.

Tatsache ist: Der Kunsthandelsplatz Berlin gehört, nach seiner Marginalisierung zwischen 1933 und 1990, noch längst nicht zur Weltspitze. Auch wenn das Interesse an den in der Stadt lebenden Künstlern und der jungen Galerienszene stetig zunimmt und sich beides zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt hat: Allein die aktuellen Umsätze beweisen, dass der Weg an die Spitze ein Projekt für die Zukunft ist.

Über solche Wachstumschancen hätte man gern mehr erfahren an diesem Abend im Ludwig-Erhard-Haus, zu dem der 1879 gegründete Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) im Rahmen seiner „Montagsrunde“ eingeladen hatte. Zumal neben Schacky auch Christoph Stölzl, Ex-Kultursenator und nun Mitgeschäftsführer der Villa Grisebach, auf dem Podium saß.

Stölzl und Schacky fegten stattdessen in einer Tour de Force durch 150 Jahre Berliner Kunsthandel, immerhin ohne die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte des eigenen Unternehmens allzu sehr in den Vordergrund zu rücken. So blieb dem VBKI-Geschäftsführer Udo Marin nur der diskrete Hinweis, dass sich der Umsatz des 1986 gegründeten Auktionshauses in der Fasanenstraße in den letzten vier Jahren auf 45 Millionen Euro verdoppelt habe.

„Der Berliner Sammler ist besser als sein Ruf“, resümiert Schacky die gegenwärtige Stimmungslage. Eine Kunsthalle als permanente Institution mit professioneller Leitung und den richtigen Ausstellungen könne die Aufmerksamkeit für die Kunststadt Berlin weiter steigern. All das stehe gewissermaßen für das atmosphärische Kapital von Kunst, von dem Berlin schon jetzt erheblich profitiere.

Damit mehr von dem in Berlin verdienten Geld hier auch gleich wieder für Kunst ausgegeben werde, so Schacky weiter, bedürfe es einer erfolgreicheren Wirtschaftsförderungspolitik. Kopfnicken im Saal. Es könnte also sein, dass man irgendwann nicht mehr nur von der Deutschen Bank schwärmen muss.

Michael Zajonz

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