Kultur : Besser als Sex

Wie schön, dass die Briten auch allgemein verständliche Sportarten erfunden haben, Fußball zum Beispiel. Aber sie lieben halt auch Cricket. Und dieses Spiel erinnert doch eher an den Mathematikunterricht in der Oberstufe als an irgendeinen anderen Mannschaftswettkampf: Man schlägt sich irgendwie durch, ohne Sinn und Verstand, und schnell hat man es auch wieder vergessen. Mit der amerikanischen Variante, dem Baseball, geht es nicht viel besser. Der einzige lesbare Leitfaden für Baseball (und was da alles dranhängt, kulturell und emotional), ist Don DeLillos wuchtiger Roman „Underworld“; 800 Seiten um einen faustgroßen Ball!

Ist Sport Religion? Eine uralte Frage. Harold Pinter, der große britische Dramatiker, hat sie eindeutig beantwortet: „Ich denke, Cricket ist das Größte, was Gott auf Erden erschaffen hat. Es ist sicherlich größer als Sex, obwohl Sex auch gar nicht so schlecht ist.“ An Heiligabend ist Pinter 78-jährig gestorben. Der „Guardian“ brachte dieser Tage das letzte, im Oktober in London geführte Interview mit dem Literaturnobelpreisträger.

Es geht ausschließlich um Cricket. Pinter erzählt aus seinen Kindertagen, als die Familie während des Krieges bei deutschen Luftangriffen ihr Haus verlassen musste. Der kleine Harold ging nie ohne seinen Cricketschläger. Später hat Pinter mit seinen Kindern Cricket gespielt – und sich eine gewaltige Sammlung von Cricket-Memorabilia und einschlägiger Literatur zugelegt. Cricket, sagt der Theatermann, hat ein unerschöpfliches Potenzial an Geschichten. Cricket ist das Drama schlechthin. Damit hat er sein ganzes Leben verbracht.

Aber besser als Sex? Jedenfalls länger. Man erinnert sich an den Bollywood-Spielfilm „Lagan“ – da spielen indische Dorfbewohner gegen die Kolonialherren um ihre Existenz. Solche Cricket-Matches können zwei, drei Tage dauern. Unschlagbar. Ein Fußballspiel, ein Abend im Theater oder Kino ist dagegen bloß ein läppischer Quickie.

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