Kultur : Besser leben

Pritzker-Architekturpreis für Paulo Mendes da Rocha

Ulf Meyer

Mit dem Paulistano Sportclub in Sao Paulo begann 1958 die Karriere des brasilianischen Architekten Paulo Mendes da Rocha. Knapp fünfzig Jahre später wird der als „unerschütterlicher Modernist aus Sao Paulo“ bekannte Entwerfer nun für sein Lebenswerk am 30. Mai in Istanbul mit dem mit 100 000 US-Dollar dotierten Pritzkerpreis ausgezeichnet. Nach Oscar Niemeyer, der den „Nobelpreis der Baukunst“ 1988 erhielt, ist Mendes da Rocha (78) bereits der zweite brasilianische „sanfte Brutalist“, der den Pritzkerpreis bekommt.

Ebenso wie seinem ungleich berühmteren Kollegen Niemeyer stand auch bei Mendes die Auseinandersetzung mit Le Corbusier am Anfang seiner Baukunst, wie der brasilianische Pavillon auf der Weltausstellung in Osaka 1970 bewies: Dem schweren, spröden Sichtbeton gewann Mendes hier exemplarisch eine einmalige lateinamerikanische Leichtigkeit ab. Wie ein roter Faden durch sein Werk zieht sich Mendes’ Liebe zum rohen Beton: Ein riesiges Betondach prägt auch Mendes’ berühmtesten Bau, das brasilianische Skulpturenmuseum in Sao Paulo.

Der Jury des Pritzkerpreises gefiel an dem Werk des Brasilianers besonders, wie Mendes „mit ökonomischen Mitteln eine Architektur des sozialen Engagements schafft, die sich mit Poesie und Fantasie stets an der Grenze des Baubaren bewegt“. Die Pritzker-Stiftung lenkt mit ihrer Wahl die internationale Aufmerksamkeit auf ein Œuvre, das es verdient: Mendes da Rocha, Sohn eines Bauingenieurs, der lange unter der Militärdiktatur Brasiliens zu leiden hatte, baut keine Designer-Stores, sondern etwas viel Wichtigeres: Gebrauchsarchitektur in seiner Heimatstadt, der Mega-Metropole Sao Paolo, in der sich nur die wenigsten der zehn Millionen Einwohner den Luxus guter Architektur leisten können. Neben Dutzenden von Wohnhäusern, Kirchen und Platzgestaltungen gehört dazu auch das populäre Verwaltungsgebäude „Poupatempo“ (Portugiesisch für „Zeit sparen“) von 1998, das in einer 300 Meter langen Schalterhalle längs einer U-Bahnstation ein Finanz- und Einwohnermeldeamt, eine Postfiliale und ein Polizeirevier vereint – ein gutes Beispiel für Mendes’ Pragmatismus. Der lichte Bau verkürzt langwierige Behördengänge und entspricht damit dem humanen Ziel seiner Architektur: das Leben der Leute zu verbessern.

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