• Bestsellerautor Ken Follett im Interview: „Ich will Romane schreiben, keine Geschichtsbücher“

Bestsellerautor Ken Follett im Interview : „Ich will Romane schreiben, keine Geschichtsbücher“

Der walisische Bestsellerautor Ken Follett über die Abgründe des 20. Jahrhunderts, John F. Kennedys sexuelle Ausschweifungen und seinen Roman „Kinder der Freiheit“. Er beschließt seine Jahrhundert-Trilogie

Sven Schneider
Bestsellerautor Ken Follett.
Effizienter Vermarkter seiner selbst. Bestsellerautor Ken Follett.Foto: Arno Burgi/p-a/dpa

Ken Folletts Büro ist nicht zu übersehen. In großen Lettern prangt sein Name auf dem Backsteinbau in der Kleinstadt Stevenage nördlich von London. Ein Rolls-Royce mit dem Nummernschild KEN zeugt von seiner Anwesenheit. Zur Veröffentlichung seines heute erscheinenden Romans „Kinder der Freiheit“ hat er in die Schaltzentrale seines Imperiums gebeten. Ob im Erdgeschoss oder im ersten Stock, wo 28 Angestellte, meist hübsche junge Frauen in knappen Kostümen, seine Termine koordinieren: Jeder freie Quadratmeter ist mit Porträtbildern, Covern, Filmplakaten oder Goldenen Schallplatten dekoriert. Der dritte Band seiner „Jahrhundert-Trilogie“ (aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher, Bastei Lübbe, 1216 Seiten, 29,99 €) setzt kurz vor dem Bau der Mauer in Berlin ein und endet mit deren Fall. Fünf Familien aus vier Ländern kämpfen vor dem Hintergrund des Kalten Krieges um Beruf, Liebe und Freiheit. Follett, 1949 im walisischen Cardiff geboren, studierte Philosophie in London und arbeitete zunächst als Reporter und Kolumnist. Gleich mit seinem ersten Roman, dem Spionage-Thriller „Die Nadel“ (1978) gelang ihm ein Welterfolg. "Die Säulen der Erde" (1990) über den Bau einer Kathedrale im 12. Jahrhundert verkaufte sich international über 20 Millionen Mal. Er ist in zweiter Ehe mit der früheren Labour-Abgeordneten Barbara Follett verheiratet.

Mr. Follett, Zeitgeschichte ist für Sie ein dankbares Thema: Der Plot und die historischen Personen liegen vor. Woraus besteht Ihre spezifische Leistung?
Ich beginne mit dem geschichtlichen Vordergrund, aber nach und nach weicht dieser zugunsten der Protagonisten zurück. Man muss auch fiktive Charaktere erfinden, die zur Story passen. Ich will Romane schreiben und keine Geschichtsbücher. Die Leser identifizieren sich mit Charakteren, deren Emotionen sie teilen. In Geschichtsbüchern gibt es keinen Platz für Gefühle.

In „Kinder der Freiheit“ spielen John F. Kennedys sexuelle Ausschweifungen eine große Rolle. Wie viel davon ist erfunden?
Kaum etwas. Darin liegt ein hohes Fehlerpotenzial: Die Faktenlage zu Kennedy ist erdrückend. Zwar hat er in meinem Buch mit einem Mädchen namens Maria Summers eine Liebesaffäre, die ich tatsächlich dazu gedichtet habe. Aber im geschilderten Zeitraum hatte er eine Liebesaffäre mit einer Frau gleichen Alters, Mimi Alford. Sie hat mich beraten, sie hat ja selber ein Erinnerungsbuch zum Thema geschrieben. Mimi las meinen ersten Entwurf und erzählte mir dann detailliert, was sie so mit Kennedy trieb. Sie war eine Blaupause für meine Figur. Bei einer einzigen Affäre hätte ich das niemals tun können. Jeder Mitarbeiter im Weißen Haus wusste, dass er Liebschaften und flüchtigen Sex mit Hunderten von jungen Frauen hatte. Heutzutage würde man ihn wohl sexsüchtig nennen.

Hat das Weiße Haus Anstoß an Ihrer Darstellung genommen?
Die US-Regierung war in meine Recherchen nicht involviert. Alle Informationen stehen im Internet oder in Geschichtsbüchern. Und ich hatte Mimi Alford, die immer dann mit dem Präsidenten schlief, wenn Jackie Kennedy nicht in der Stadt war. Aber es gab Probleme, als wir das Buch im Bostoner Kennedy Center vorstellen wollten. Alles war vorbereitet, Pressetermine, Interviews, mein Auftritt, alles. Doch nachdem die Hausherren mein Buch gelesen hatten, sagten sie alles ab. Sie wollten Kennedy nicht als einen Präsidenten sehen, der eine Affäre mit einer 19-Jährigen hatte.

War es schwierig, Mimi Alford als Ratgeberin zu gewinnen?
Im Gegenteil, sie war auf Anhieb sehr hilfsbereit. Sie wollte nicht, dass ich das Leben meiner fiktiven Figur und somit ihres falsch beschreibe. Das kenne ich aber auch nicht anders. Wenn ich jemanden bitte, meine Behauptungen zu überprüfen, machen eigentlich alle sofort mit. Am einfachsten sind Polizeibeamte. Sie hassen es, wenn ihre Arbeit von Schriftstellern falsch dargestellt wird.

„Kinder der Freiheit“ spielt unter anderem in Ostdeutschland und der Sowjetunion. Wer hat die Fakten für diese Schauplätze überprüft?
Unter anderem Angela Spizig, eine frühere Kölner Bürgermeisterin. Sie wurde in Ostdeutschland geboren und floh 1955 mit ihrer Mutter gen Westen, mitsamt dem Tafelsilber. Eine gute Story, die ich aber nicht benutzt habe. Angela war mir eine Hilfe bei der Frage, was Deutsche sagen, wie sie es tun oder was sie essen. Und für den russischen Part habe ich mehrere Historiker beschäftigt, die sich bestens mit der Geschichte der UdSSR auskennen. Aber ich war auch selber in Moskau und St. Petersburg.

Ihre Jahrhundert-Trilogie endet mit dem Fall der Mauer. Aber das 21. Jahrhundert liefert ja weiter Stoff für spannende Storys: 9/11, die Kriegseinsätze in Afghanistan und im Irak, Whistleblower wie Edward Snowden. Wären das Themen für Sie?
Nein, das ist mir noch zu nah. Das Schöne an einem historischen Roman ist, dass man zurückschauen kann und sieht, wie sich alles entwickelt hat. Bei der Trilogie war das nicht anders. Besonders im letzten Band geht es um den Konflikt zwischen Kommunismus und Kapitalismus, Wir kennen die Antwort: Der Kommunismus hat nicht funktioniert.

Ist das die Quintessenz Ihrer Trilogie?
Ich hatte anfangs die Idee eines großen Dramas, in dem es um den Ersten Weltkrieg gehen sollte, den Zweiten und den Kalten Krieg. Auch die Suffragetten, den Spanischen Bürgerkrieg und die Schwarzenproblematik in Amerika wollte ich reinbringen. Nur fehlte mir eine Idee, wie ich das alles zusammenbringen könnte. Irgendwann dämmerte mir, dass nur die Freiheit und der Kampf um sie das Thema sein kann.

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