Kultur : Bezwungene Wut: Der Arzt des Dalai Lama erinnert sich

Alice Grünfelder

Biografien von Tibetern, die chinesische Gefängnisse überlebt haben, liegen im Trend. Innerhalb kürzester Zeit erschien das dritte Buch dieses Genres. Nun schreibt der prominenteste Gefangene Chinas, Tenzin Choedrak, über seine Ausbildung zum Leibarzt des Dalai Lama, seine Jahre in chinesischen Lagern und den Wiederaufbau des Instituts für tibetische Medizin im Exil. Tenzin Choedrak ist als sympathischer, bescheidener Arzt aus dem Film "Das Wissen vom Heilen" bekannt. In internationalen Medizinerkreisen hat er sich den Ruf als einer der wichtigsten, ältesten Repräsentanten der tibetischen Medizin erworben.

Tenzin Choedrak gerät nach einer entbehrungsreichen Kindheit in die Hände von Tutoren und Ausbildern eines Klosters, die es mit der Lehre weniger genau nehmen als mit den Arbeitslasten, die sie ihm aufbürden. So bewahrheitet sich schon früh die Lehre vom Samsara, dem unentrinnbaren Kreislauf des Leids, nämlich "wie auf einer Nadelspitze zu leben". Schließlich gelingt ihm die Flucht nach Lhasa. Doch erst als er die hohe Aufnahmegebühr für das Studium am Mentsikhang, dem Institut für tibetische Medizin, entrichten kann, steht einer Ausbildung zum Arzt nichts mehr im Wege. Das Sammeln der Heilpflanzen und die Herstellung der Medikamente sind neben dem Erlernen der Pulsdiagnostik und Urinanalyse wichtige Bestandteile des Studiums. Doch selbst das Auswendiglernen des medizinischen Hauptwerks ersetzt nicht subtile Beobachtungen und die Weitergabe des Wissens vom Lehrer an den Schüler, deren Beziehung wie in allen asiatischen Lehrsystemen dem Verhältnis Vater - Sohn entspricht.

Ein guter tibetischer Arzt zeichnet sich durch seine moralischen Eigenschaften aus. Er soll den Patienten wie einen Verwandten behandeln, kreativ sein beim Suchen geeigneter Behandlungsmethoden und darauf achten, welche Worte beim Patienten eine Reaktion auslösen. Wer nur auf seinen persönlichen Vorteil bedacht sei, den dürfe man erst gar nicht Medizin studieren lassen. Diese Postulate verinnerlicht Tenzin, so dass er gegen Ende seiner Haft auch nicht zögert, seine chinesischen Peiniger zu behandeln.

Gewiss sind die Parallelen zur europäischen Medizingeschichte unübersehbar. So legten die Anhänger Äskulaps großen Wert auf die korrekte Zubereitung der Heilmittel und die Verwendung des rechten Wortes zur rechten Zeit, um den Patienten psychisch zu stärken. Dem Kranken gegenüber ein verwandtschaftliches Gefühl zu hegen, empfahl schon Paracelsus, der sich genau wie sein tibetischer Kollege über die "Wolfsärzte" ereiferte, die sich auf Kosten der Patienten bereichern. Doch im heutigen westlichen Medizinbetrieb sind diese Werte verlorengegangen, daher wirkt die Anziehungskraft östlicher Heilkunde.

So minutiös wie Tenzin Choedrak sein Studium beschreibt, so detailliert erzählt er von den Jahren in der Haft. Doch kann man den Schrecken von Gefängnissen, die lediglich auf die Dezimierung der Gefangenen angelegt sind, in Worte fassen? "Unser Leben verbrauchte sich zwischen Feldarbeit, Folter und Umerziehung." Betrachtungen philosophischer Natur drängen daher in den Vordergrund. Mit ihrer Hilfe und mit der heilenden Wirkung einiger zufällig gefundenen Wurzeln überlebt Tenzin Choedrak. Sein Leiden und das des tibetischen Volkes führt er auf das Karma, auf eine Anhäufung von schlechten Taten im vergangenen Leben zurück und gewinnt aus dieser Einsicht Kraft und Toleranz. Obwohl er seine Wut mit Meditation bezwingen will, überkommt sie ihn jedes Mal von neuem, wenn er Mönchen und Laien begegnet, die mit der Besatzungsmacht kooperieren. Überhaupt schlängelt sich der Unmut über die mangelnde Solidarität unter den Gefangenen und über tibetische Handlanger, die ihre chinesischen Auftraggeber noch übertreffen, wie ein roter Faden dahin. Da hilft kein Philosophieren und Meditieren, die Enttäuschung über seine Landsleute und Kollegen hält auch im Exil an. Denn als er den Wiederaufbau des Mentsikhang in Dharamsala in Angriff nimmt, ziehen sich einige Ärzte aus eigennützigen Motiven zurück. Und nur gegen den Widerstand konservativer Kräfte gelingt es ihm, Neuerungen bei der Herstellung von Medikamenten durchzusetzen, um der tibetischen Medizin mangels Heilpflanzen überhaupt eine Chance zu geben.

Tibetische Heilkunde wird heute sowohl in China, wo man mittlerweile recht gut an den tibetischen Juwelenpillen verdient, als auch im Westen anerkannt. Dem ganzheitlichen Anspruch mit seiner Sichtweise von der Individualität des Patienten und der Wiederherstellung gestörter Gleichgewichte stehen in der Schulmedizin Objektivität und logisch erklärbare Krankheiten gegenüber, und leider akzeptiert man nur selten das andere nicht als Konkurrenz, sondern als Alternative. Abgesehen aber von der physischen Heilung des Patienten versucht man in der tibetischen Medizin dem Patienten nicht nur die Ursache der Krankheit zu erklären, sondern man will auch grundsätzliche psychologische Fertigkeiten vermitteln. Denn nicht die Umstände bestimmen des Menschen Glück, sondern seine Fähigkeiten zur Bewältigung der Umstände. Nur so ist der erstaunliche Gleichmut zu erklären, mit dem Tenzin Choedrak die Jahre in Todeszellen und Arbeitslagern übersteht.

Unwissenheit gilt als eines der Grundübel aller Krankheiten, so Tenzin Choedrak als auch Paracelsus. Unkenntnis über die Zustände in Tibet und China kann man allerdings nicht mehr vortäuschen. Dennoch wagt sich kein "Arzt" der Welt an eine wirksame Therapie.Tenzin Choedrak: Der Palast des Regenbogens. Der Leibarzt des Dalai Lama erinnert sich. Insel Verlag 1999. 335 Seiten, 39,80 DM.

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