Biennale der Architektur in Venedig : Das Schloss von heute ist eine Shopping-Mall

Die Architektur-Biennale in Venedig zeigt: Je weniger ein Volk zu sagen hat, desto bombastischer sind die Häuser der Volksvertreter. Ein Kommentar

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Der chinesische Pavillon steht unter dem Motto „Berge jenseits der Berge“.
Höhenluft in der Halle. Der chinesische Pavillon steht unter dem Motto „Berge jenseits der Berge“.Foto: picture alliance / dpa

Jedes Bauwerk erzählt etwas über den Geist der Zeit. Architektur geht ja auch jeden an, weil wir alle in Häusern, Städten, gebauten Siedlungen leben. Hierüber anschaulich nachzudenken, gibt die noch bis zum 23. November zu sehende Biennale der Architektur in Venedig gerade manchen Anlass. Ausgerechnet die Russen machen sich in ihrem Länderpavillon in den Giardini an der Lagune ziemlich lustig über den globalen Kultur- und Architekturbetrieb, indem sie sozialistische wie kapitalistische Bau- und Design-Utopien unter das englische Wort für „Messe“ stellen und ihre Schau „Fair Enough“ betiteln.

Wie in "Mon Oncle"

Noch trickreicher wirken die Franzosen, die Verheißungen und Schrecken der modernen Architektur nicht nur in den trabantenstädtischen Silos des Nachkriegswohnungsbaus spiegeln. Sie haben auch das Modell jener Villa nachgebaut, in der Jacques Tatis berühmte Filmkomödie „Mon Oncle“ spielte. Man sieht zugleich den Film im und um das supermoderne Haus, in dem auf fast jede Bewegung der Bewohner hin plötzlich Fontänen im Innenhof zu sprudeln beginnen, Lichter leuchten, sich Türen öffnen oder Toaströster anspringen. Das führt zu allerhand komischen Slapsticks, und Tati kämpft mit den Tücken von 1958. Aber irgendwie denkt man, so könnte es heute auf einen falschen Knopfdruck hin auch im sensuell und digital vernetzten Heim von Bill Gates zugehen.

Die Deutschen wirken da in ihrem Pavillon weit humorloser. Sie haben fast ohne Erklärung und Möblierung mehrere Räume des früheren Bonner Kanzlerbungalows von 1964 in verkleinertem Maßstab nachgebaut. Sep Ruf hatte die gläserne Schachtel einst für Ludwig Erhard entworfen, den es darin (und im Amt) nicht lange hielt. Der kühle, garantiert atmosphärefreie Bau wirkt in Venedig noch besonders kalt und absurd, weil hinter den Glasfronten kein grüner Bonner Rheinpark wartet, sondern der Blick auf die kahle Innenwand des Pavillons prallt. Die ausländischen Besucher müssen denken, dass der Vater des westdeutschen Wirtschaftswunders seine Erfolge zum Ende hin mit einer Art Isolationshaft bezahlen musste. Ein Regent am Unort.

Monströs ist das rumänische Parlament

Viel einfallsreicher und informativer sind da die Österreicher. Die Ausstellung bei ihnen widmet sich den „Orten der Macht“ – und Ohnmacht. Die Architekten vom Büro Coop Himmelb(l)au und Mitarbeiter der Technischen Universität Wien haben die Modelle der Parlamentsbauten von 200 in der UN vertretenen Staaten im Maßstab 1:200 wie weiße Tortenstücke senkrecht an die Wände gepinnt. Und das Ergebnis ist so lehrreich wie wunderlich. Der Berliner Reichstag etwa wirkt riesig im Vergleich zum Hüttchen des pazifischen Inselkönigtums Tonga, jedoch völlig unscheinbar angesichts der Volksvertretung von Myanmar, die zu Diktaturzeiten 2006 in die Retortenhauptstadt Naypyidaw gesetzt wurde. Monströs ist natürlich auch das rumänische Parlament, das in Ceausescus ehemaligem Wahnsinnspalast in Bukarest residiert. Ebenso irre, was in einigen politisch obskuren afrikanischen Staaten so auf den Parlamentsplätzen steht. Überhaupt gilt die Regel, so lernt man im österreichischen Pavillon: Je weniger ein Volk zu sagen hat, desto bombastischer sind die Häuser der Volksvertreter.

Vertreter. Das Wort hat hier einen Beiklang von Wahrheit. Manche würden das auch kafkaesk nennen. Tatsächlich ist Josef K., den Franz Kafka zum Stellvertreter aller Ohnmächtigen gemacht hat, nie über die Schwellen der wahren Macht geraten. Also auch nicht ins Schloss, das seinem wohl besten Roman den Titel gegeben hat.

Kafka wird durch den Erfolg von Reiner Stachs fulminanter Biografie gerade wieder viel zitiert. Und Kafkas letzte Orte waren in Berlin, bevor er vor 90 Jahren in einem Sanatorium bei Wien gestorben ist. „Wie der Himmel über der Erde“, hat er einer seiner Verlobten geschrieben, hänge für ihn „Berlin über Prag“. Doch Kafkas Wohnungen in Berlin sind fast alle vom Krieg und Nachkrieg zerstört, nur das Gründerzeithaus in der Steglitzer Grunewaldstraße 13, in dem er kurz vor seinem Tod sich eingemietet hatte,steht bis jetzt. Nebenan gibt es die moderne „Fichteneck-Sauna“ mit allerlei Gesundheitsapplikationen, die dem lungenkranken Franz K. vielleicht gutgetan hätten.

Im Wikipedia-Eintrag über die Grunewaldstraße lesen wir nun, hier habe Kafka auch „Das Schloss“ geschrieben. Das ist Unsinn, das Fragment gebliebene Manuskript blieb in Prag. Aber ein paar Häuser weiter gibt es „Das Schloss“ tatsächlich, so heißt dort ein Einkaufszentrum. Kafka hätte darüber wohl mächtig gelacht.

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