Kultur : Bier ohne Marke

Was wissen wir vom anderen? Saarbrücken konfrontiert deutsche und französische Künstler

Ulrich Clewing

Christian Jankowski ist ein Träumer. 1991 malte er das Bild „ohne Titel (roter Tänzer)“ und wünschte sich, dass dieses Gemälde irgendwann einmal im Museum hängen möge – neben Werken seiner Lieblinge Max Beckmann und Giorgio de Chirico. Heute, dreizehn Jahre danach, ist Christian Jankowski vielleicht nicht der ganz große Maler geworden, dafür aber einer der einfallsreichsten, amüsantesten und am meisten gefragten Konzept-Künstler Deutschlands.

Sein Wunsch von damals hat sich nun doch noch erfüllt, in einer Ausstellung in Saarbrücken. Streng genommen besteht Jankowskis „Möchtegernraum“ aus zwei Räumen, dem „Möchtegernraum“ und dem „Ausstellungsraum“: In dem einen, für den Besucher unzugänglichen Raum hängen die Bilder, im anderen befindet sich ein Monitor, der das Geschehen überträgt und gleichzeitig das einzige Ausstellungsstück ist, das man tatsächlich sieht. Den Rest muss man glauben oder lässt es bleiben. Sein Ziel aber hat Jankowski in beiden Fällen erreicht: Hier geraten Gewissheiten so lange durcheinander, bis am Ende alles relativ erscheint.

Jankowskis frecher, hintergründiger Kommentar auf die Gepflogenheiten und Schwachstellen des Kunstbetriebs ist Teil der Ausstellung „Étrangement proche/seltsam vertraut“ im Saarland-Museum zu Saarbrücken. Zehn Maler, Bildhauer und Videokünstler aus Frankreich stehen ebenso vielen aus Deutschland gegenüber. Als erstes fällt auf, wie wenig man vom Nachbarn weiß: Die deutschen Künstler – Eugen Schönebeck, Thomas Schütte, Thomas Scheibitz oder Franz Erhard Walther – dürften den meisten einigermaßen geläufig sein. Doch was ist mit dem großartigen Objektkünstler Jean-Michel Sanejouand, dem virtuosen Altmeister des Fotorealismus Jean-Olivier Hucleux oder Bildhauer Franck David? Das sind Namen für Spezialisten – was im Übrigen umgekehrt in Frankreich genauso für die meisten der Deutschen gilt.

Die Ausstellung beginnt im Foyer, in das Veit Stratmann eine von der Decke herabhängende, die Sinne verwirrende Neonröhren-Installation eingebaut hat. Dann folgen Rosemarie Trockel mit einer ihrer Hitze entwickelnden Herdplatten-Plastiken, der unvermeidliche Jonathan Meese mit Gemälden und im Vergleich dazu erstaunlich gelungenen neuen Skulpturen, und Hubert Kiecol, der Minimalist unter den Bildhauern, mit einem umfunktionierten Gewächshaus. Karin Sander hat ihr „Bild“, eine schlichte, weiß grundierte Leinwand, draußen an der Fassade des Saarland-Museums aufgehängt und schickt drinnen in regelmäßigen Abständen einen akustischen Blitz durch die Ausstellungsräume. Jean Luc Moulène hat von der größten saarländischen Brauerei Bierdosen ohne Aufschrift herstellen lassen, was im ansonsten gemütlichen Saarbrücken einen kleinen Skandal produzierte: Die Ehefrau des Brauerei-Chefs leitet den Freundeskreis der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, und so vermutete manch einer Mauschelei. Die Idee ist nicht einmal abwegig, Gerüchten zufolge war die Unternehmensführung anfangs von dem Kunstprojekt wenig überzeugt.

Abgesehen von den Wirrnissen lokaler Befindlichkeiten sind die Beiträge der Franzosen – der liebevoll beschwingte, bitter-süße Videofilm von Anne-Marie Schneider, die delikate Malerei von Marc Desgrandchamps oder die skulpturalen Architektur-Modelle eines Didier Marcel – die eigentlichen Entdeckungen. Fabrice Hergott, Direktor des Museumsverbundes von Straßburg, und Ralph Melcher, seit Anfang des Jahres Vorstand der zuletzt durch Personalquerelen gebeutelten Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, geben mit dieser Ausstellung eine Antwort auf die Frage, wie Museen abseits der Metropolen ihr Profil zu schärfen vermögen.

Melcher will auch in Zukunft die eigene Sammlung nach Frankreich und zu den Benelux-Staaten orientieren – um dem Einheitsbrei der Museen mit zeitgenössischer Kunst zu entgehen. Dass er mit wenig Geld viel erreichen kann, hat der 37-Jährige auch auf anderem Gebiet bewiesen. Wenige Tage zuvor übergibt der Kunstmann das Museum in der Schlosskirche seiner Bestimmung: Es präsentiert sakrale Kunst und Kulturgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart und ist nicht nur Teil der Neuordnung des saarländischen Kunstbesitzes, sondern auch in architektonischer Hinsicht ein Schmuckstück. Und wer weiß: Vielleicht schafft es Christian Jankowski ja auch noch in dieses Museum. Der Widerstand von Seiten der neuen Führung dürfte nicht allzu erbittert ausfallen.

Saarland-Museum, Saarbrücken, bis 15. August. Katalog 35 €.

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