Kultur : Biete Mitfahrgelegenheit

Reisen bis ans Ende der Nacht: die Berlinale-Reihe „Perspektive Deutsches Kino“

Christina Tilmann

Es ist heiß, und ganz Deutschland scheint unterwegs auf der Autobahn nach Berlin. Schüler, Schauspielstudenten, Bademodenvertreter, Asylbewerber, Polen auf der Jagd nach dem großen Deal, alleinerziehende Mütter mit maulendem Kind. Nicolai Albrecht verknüpft in „Mitfahrer“, dem Eröffnungsfilm der „Perspektive Deutsches Kino“, sieben Menschen zu einem rasanten Wagen-wechsel-dich. Alle sind unterwegs per Mitfahrgelegenheit: für manche eine billige Reisemöglichkeit, für andere ein bisschen Unterhaltung zwischendurch. Doch auf der Strecke ergeben sich ganz andere Gelegenheiten: zur Liebe, zum Sex, zum Erwachsenwerden. Von leichter Hand komponierte Short Cuts – ein würdiger Eröffnungsfilm für eine junge, hoffnungsvolle Festivalreihe.

„Mitfahrer“ ist nicht der einzige Film der „Perspektive“, der vom Reisen erzählt: Im vergleichsweise düsteren Roadmovie „Unterwegs“ schickt Jan Krüger eine Kleinfamilie samt mysteriösem Zufallsgast an die polnische Grenze – von ferne grüßt Polanskis „Messer im Wasser“. Nicolai Rohdes „Zwischen Tag und Nacht“ mit Richy Müller und Nicolette Krebitz spielt hauptsächlich in der Münchner U-Bahn, in Branwen Okpakos „Tal der Ahnungslosen“ kehrt eine dunkelhäutige Dresdnerin in ihre Heimatstadt zurück. Der liebevolle Dokumentarfilm „Flammend’ Herz“ führt vier betagte Hamburger Tatoo-Fans auf der Suche nach Gleichgesinnten bis in die Schweiz, und Holger Janckes Dokumentation „Grenze“ fünf junge Männer zurück zum Ort ihres Wehrdienstes an die deutsch-deutsche Grenze.

Er habe erst im Nachhinein gemerkt, dass so viele Filme in diesem Jahr vom Reisen handeln, sagt Alfred Holighaus, Leiter der „Perspektive Deutsches Kino“. Seit drei Jahren versucht der ehemalige Filmjournalist, mit seiner neuen Reihe dem jungen deutschen Film eine bessere Plattform auf der Berlinale zu bieten. Nicht die einzige natürlich: Auch im Wettbewerb ist der deutsche Film seit Dieter Kosslicks Amtsantritt wieder stärker vertreten – in diesem Jahr mit Fatih Akins „Gegen die Wand“ und Romuald Kamarkars Kammerspiel „Die Nacht singt ihre Lieder“. Im Panorama laufen Achim von Borries’ preisträchtiger „Was nützt die Liebe in Gedanken“, M.X. Obergs „Stratosphere Girl“ und Andres Veiels Dokumentarfilm über vier Schauspielschüler („Die Spielwütigen“). Und im Forum sind mit Volker Koepp („Dieses Jahr in Czernowitz“) und Ulrike Ottinger („Zwölf Stühle“) gute alte Bekannte vertreten.

Die„Perspektive Deutsches Kino“ist in ihrer Konzentration dennoch etwas Besonderes – und beim Publikum auch besonders beliebt. Perspektive-Vorstellungen sind besonders schnell ausverkauft und regelmäßig überfüllt. Hier liefen in den vergangenen zwei Jahren Publikumslieblinge wie der dokumentarische Putzfrauenfilm „Der Glanz von Berlin“, die souveräne Behindertenkomödie „Verrückt nach Paris“, Norbert Baumgartens ostdeutscher Fußball(alb)traum „Befreite Zone“, Stefan Krohmers 68er-Abrechnung „Sie haben Knut“ oder Martin Gypkens unlängst im Kino gestarteter „Wir“.

In diesem Jahr ist Holighaus noch etwas radikaler geworden: er ist gezielt an die Filmhochschulen gegangen, um nach vielversprechendem Regienachwuchs zu suchen. So kommt es, dass im diesjährigen Programm gleich fünf Kurzfilme zwischen 20 und 50 Minuten laufen, die im regulären Kinoprogramm nie eine Chance gehabt hätten. Und die ihre Geschichte klarer, sicherer, ökonomischer erzählen als mancher Langfilm. Saskia Bells „Blind“ zum Beispiel, eine ganz kleine Geschichte des Erwachsenwerdens, eine erste Liebe in der tristen Plattenbauumgebung von Jena. Hans Christian Schmid hat aus so einem Stoff seinen Debüterfolg „Nach fünf im Urwald“ gemacht. Oder „Der Typ“ von Patrick Tauss, eine wilde Odyssee durch das nächtliche Frankfurt, im Zentrum der charismatische Stipe Erceg als durchgeknaller Weltverbesserer, halb Krawallbruder, halb verlorene Seele. Ein scharfes Charakterbild, gemalt in Schwarz auf Schwarz. Und Ulrike von Ribbecks „Charlotte“, eine junge Frau im sommerlichen Berlin, zwischen Paris Bar, Vernissage, Kudamm-Shopping und One-Night-Stand. Vertraute Großstadtwelten, doch diese Frau ist eine Obdachlose. Die blonde, stolze Geno Lechner spielt mit einer Großzügigkeit, einer Selbstverständlichkeit, die sehr nachdenklich macht. Diese Frau ist eine von uns, nur irgendwie auf der Strecke geblieben. So schnell geht das.

Der Typ, Charlotte, oder auch der schmierige Bademodenvertreter Peter und der melancholische U-Bahn-Fahrer – das sind Nachtgestalten, durchgeknallt, grenzwertig, unhandlich. Auf die Spitze getrieben ist das in Marcus Mittermeiers soeben in Saarbrücken auf dem Filmfest mit Preisen überschütteten Low-Budget-Debüt „Muxmäuschenstill“ (vgl. Tagesspiegel vom 3. Februar): ein selbsternannter Sittenwächter in Berlin, auf Kreuzzug gegen Hundekot, Verkehrssünder, Exhibitionisten, Ladendiebe. Law und Order, Selbstjustiz, richtige Motive, falsche Mittel – ein Film, über den man nächtelang streiten kann. Das wirkliche Berlin liegt vor der Tür, auch während der Berlinale. Alfred Holighaus hat es mit der „Perspektive Deutsches Kino“ ins Festival geholt.

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