Bilanz einer Amtszeit : Bernd Neumann: Immer schön mittig bleiben

Mit der Kultur ist viel Staat zu machen. Wie das geht, weiß Bernd Neumann, der als Kulturstaatsminister eine ganze Legislaturperiode im Amt blieb.

Christiane Peitz
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Klang des Geldes. Kulturstaatsminister Bernd Neumann auf der Popkomm 2008. Foto: dpa

Bernd Neumann hat gute Laune. Er ist der Champion, er hat es geschafft: Ihm gebührt der Titel des ersten Kulturstaatsministers der Republik, der eine ganze Legislaturperiode lang im Amt blieb. Und wer mit ihm spricht in diesen Tagen, gewinnt nicht den Eindruck, dass der 67-Jährige demnächst in Rente zu gehen gedenkt. Wetten dass? Wenn der Wahlausgang und die Koalitionsschmiede es erlauben, wird Neumann gewiss weitermachen. Dann kann er sich um die aktuellen Baustellen kümmern, um das Urheberrecht, die Medienkrise, die kulturellen Folgen der digitalen Revolution und die Zukunft der Birthler-Behörde. Um die Finanzkrise braucht er sich kaum zu scheren: Die schadet der Kultur fürs Erste nicht.

Vier Jahre Bernd Neumann. Noch ist seine Amtszeit nicht zu Ende, aber der Wahlkampf beginnt, und sein Feld hat er beackert. Ein paar Tage Urlaub an der Ostsee, von dort fährt Neumann nächsten Samstag quer durch die Republik, zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele.

Neumann hat das 1998 von Kanzler Schröder installierte Amt konsolidiert: Wenn Milliarden zur Abwendung der Krise investiert werden, kommt keiner auf die Idee, bei der Kultur zu kürzen. Neumann hat den Etat im Gegenteil kontinuierlich erhöht: Seit Angela Merkel ihn am 22. November 2005 berief, ist sein Budget um gut 10 Prozent auf 1,143 Milliarden Euro gestiegen. Und er hat mengenweise Kühe vom Eis geholt, ob beim Berliner Schloss, der Staatsoper, dem Stabwechsel in Bayreuth oder dem verminten Feld der Geschichtspolitik. Der Streit um das Gedenkstättenkonzept ist fast schon selber Geschichte, und mit der Gründung der Stiftung „Flucht Vertreibung Versöhnung“ hat sich auch die jahrelange Aufregung um den Bund der Vertriebenen gelegt.

Vier Jahre Bernd Neumann. Anfangs hieß es, nachdem der CDU-Fahrensmann seine SPD-Vorgänger beerbt hatte, den Verleger Michael Naumann, den Philosophen Julian Nida-Rümelin und die Literaturwissenschaftlerin Christina Weiss, ab jetzt werde Kulturpolitik spröde. Den Intellektuellen und Feingeistern folge mit dem langjährigen Bremer CDU-Landesvorsitzenden und Parteimitglied seit 1962 ein Strippenzieher, ein Pragmatiker und Apparatschik.

Nach den Missionaren der Macher: Auf eine Art stimmt das bis heute. Souverän, elegant oder gewitzt tritt Neumann nicht auf. Ob bei den Filmfestspielen in Cannes, der Kunstbiennale in Venedig oder der Berliner Humboldt-Forum-Ausstellung im Alten Museum: Wenn er eröffnet, einweiht, preisverleiht, haftet ihm etwas Tolpatschiges an, eine Mischung aus Eitelkeit und Biederkeit, Korrektheit und Lapsus. „Franco Sch-tella“ nennt er den Schloss-Architekten in seiner Rede zum Humboldt-Forum. Aber auch wenn seine berüchtigte Neigung zu falscher Aussprache bei gleichzeitiger Abwesenheit von jeglichem Esprit immer wieder peinlich berührt – die Kulturszene ist zufrieden mit ihm. Bernd, das Brot: Warum sich über den Stil mokieren, wenn da einer reichlich Geld beschafft und anstandslos die Bedürfnisse der Filmemacher, der Künstler und Autoren, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz oder der Deutschen Welle befriedigt?

Staatsziel Kultur? Staatsknete ist schöner. Die Rhetorik überlässt Neumann anderen, Wolfgang Thierse zum Beispiel oder Norbert Lammert, der 2005 als Favorit für den Job galt. Neumanns Markenzeichen ist die Geräuschlosigkeit. Seine Methode: ins Boot holen, Diplomatie. Seine Vorgänger pflegten den Diskurs, er hegt den Konsens; sie waren charmant, er ist clever. Ein Bauernschlauer.

Verlängert Neumann den Deutschen Film-Fernseh-Fonds (60 Millionen Euro im Jahr), betont er, dass die Fördergelder bisher das 14-Fache an Investitionen ermöglichten. Macht er Summen für Berlin locker, sorgt der quer durch die Parteien vernetzte Politfuchs aus Westpreußen dafür, dass auch für Weimar, Dessau und Bonn etwas abfällt. Er eröffnet die Popkomm, kofinanziert die Sorben-Stiftung, legt bundesweite Denkmalschutzprogramme auf, enthüllt „Sterne der Satire“ in Mainz. Hauptstadt, ja, aber die Fläche nicht veressen – als Föderalist hat er Übung darin.

Wie gesagt, die Finanzkrise schadet der Kultur nicht. Wenn Neumann von den 500 Millionen Euro des Konjunkturpakets II für die Infrastruktur satte 100 Millionen abzweigt, hat er unverhofft mehr Geld in der Schatulle. Die Länder mögen sich bitte ein Beispiel nehmen. Ich gebe, du legst was drauf – der Biedermann als Anstifter. Und notfalls, wenn etwa die Berlinale keinen Ersatz für ihren abgesprungen Hauptsponsor finden sollte, hilft Neumann aus.

Neumann kämpft, wo er Aussicht auf Erfolg wittert. Wo nicht, zieht er sich zurück, hat Geduld, macht die Ochsentour. Beispiel Beutekunst. Solange Russland die Rückgabe kriegsbedingt verbrachter Kulturgüter per Gesetz verhindert, sind Forderungen sinnlos. Also setzt er auf die direkte Kooperation der Museen, Archive und Forscher und backt kleine Brötchen. Am Mittwoch überreichte er seinem Amtskollegen Aleksandr Avdeev ein halbes Dutzend barocker Treppen- und Balkon-Schmuckelemente aus Schloss Peterhof bei St. Petersburg – als „wichtiges Signal“ für die deutsch-russische Freundschaft.

Wenn auf der Chefetage nichts geht, dann eben eine Ebene drunter. Tiefstapeln, unter dem Radar durchfliegen, nicht allzu laut tönen, auch das gehört zur Methode Neumann. Dass er „nur“ Staatsminister ist, hat sich bewährt. Der frühere Kohl-Vertraute sitzt im Kanzleramt, mit Kürzestwegen zur Macht und Dienstzimmer mit Aussicht auf die gläserne Skulptur des Hauptbahnhofs. Ein vollwertiger Kulturminister wäre gewiss auch noch Bildungs- und Forschungsminister – und die Kultur schrumpfte zum Appendix.

Tiefstapeln, so funktioniert’s auch bei den Finanzen. Im Bundeshaushalt von 290 Milliarden Euro schlägt die eine Milliarde für die Kultur praktisch nicht zu Buche. 0,3 Prozent, da lohnt Sparen nicht. Umgekehrt gilt: Wer bei der Kultur kürzt, bringt die Nation gegen sich auf. Kleine Summen erhalten die Freundschaft, das hat Neumann den Haushältern klarmachen können, neben dem Schlagwort von der Kultur als Wirtschaftsfaktor. So hat er dem Bund, das war 2007 sein bislang größter Coup, 400 Extra-Millionen abgerungen. Der notorisch nörgelnde Deutsche Kulturrat rief „Chapeau!“; mancher bejubelte gar „Das Wunder von Bernd“.

Schloss-Streit, Restitutionsprozesse, Einheitsdenkmal-Debakel, Kurras-Debatte: All diese Unruhezonen liegen in Neumanns Zuständigkeit. Aber er mischt sich nicht ein, entwickelt keine Leidenschaft, keine Emphase. Er wartet ab, schweigt sich im Zweifelsfall aus. Zwar gab er bei der Eröffnung der Humboldt-ForumWerkschau zu verstehen, dass ihm die barocke Hülle – die schon 1999 seinerseits befürwortete Rekonstruktion des Berliner Hohenzollernschlosses – mehr am Herzen liegt als der außereuropäische Inhalt. Aber was er mag, was er nicht mag, man erfährt es sonst kaum.

Klar, er liebt Wagner mehr als HipHop, das dürfte bei allen Politikern seiner Generation der Fall sein. Selbst bei seinem Steckenpferd Kino verrät der schon zu Bremer Zeiten als Film-Lobbyist umtriebige Neumann höchstens mal, dass er sich über preisgekrönte Filme freut oder den Publikumsliebling des Jahres. Immer schön mittig bleiben. Macht nichts, er ist ja der Geldbeschaffer.

Zahlen, bitte. Der Gesamtetat des Bundes stieg seit 2005 um 12 Prozent, der Etat des Ministeriums für Bildung und Forschung um 20 Prozent. Auf 10,2 Milliarden Euro, das ist das Zehnfache wie für die Kultur. Kulturnation Deutschland, Kultur als Zukunftsressource, davon ist ständig die Rede. Was sind da 10 Prozent Plus seit 2005? Dass die Kultur zwar mit Sonderzahlungen bedacht wird, bei regulären Etaterhöhungen jedoch unter dem Durchschnitt bleibt, beklagt keiner. Wegen der Kulturhoheit der Länder? Die gibt es bei der Bildung auch. Vielleicht hat es ja einfach keiner gemerkt.

Ein Kulturstaatsminister, der nach Kräften pflegt und bewahrt, aber nicht brennt für seine Sache. Ein oberster Repräsentant der Kulturnation, der diese allein lässt, wenn sie sich über sich selbst verständigt, wenn sie beim Schloss oder der jüngsten Stasi-Debatte um ihre Geschichte ringt, ihr Gesicht und ihre Identität: Auch das ist Bernd Neumann. Das Wunder von Bernd, es steht noch aus.

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