Kultur : Bild essen Seele auf

Christina Paulhofer bedröhnt die Berliner Schaubühne mit der „Herzogin von Malfi“ des Shakespeare-Zeitgenossen John Webster

Peter Laudenbach

Eigentlich ist es ein intimer Moment. Die junge Herzogin gesteht sich ihre Liebe zu ihrem Domestiken ein, dem zarten Haushofmeister. Ihr wird klar, dass sie nichts mehr will, als sich dem „gefährlichen Glück“ ihrer nicht standesgemäßen Gefühle hinzugeben. Der Geliebte, ein unschuldiger Junge, ist vor allem eines: der Gegenentwurf zu ihren Brüdern, kalten Machtstrategen mit verkrüppelten Gefühlen. Der eine Bruder, ein Kardinal, ist unverkennbar ein sadomasochistischer Charakter, der nur aus verkniffen ausgekosteter Demütigung seine Lebensfreude zieht. Der andere, Ferdinand, ist ein Opfer seiner inszestuösen Schwellungen, die er unmissverständlich signalisiert, indem er gleich zu Beginn des Abends halb lüstern, halb gefährlich einen Dolch an den Brüsten, dem Bauch, der Scham seiner Schwester hinabgleiten lässt.

Jetzt sind die beiden despotischen Brüder weg, die Herzogin ist allein mit ihren Gefühlen, ihrer Sehnsucht und ihrem Geliebten. Sie muss sich endlich nicht mehr verstellen, sie könnte die Nähe mit ihrem Geliebten genießen. Aber das Einzige, was sie genießt, sind ihre Reden. Sie posiert, als würde sie sich an ihrem Spiegelbild berauschen. Ihre intimen Ergüsse: eine große Show des Narzissmus. Es geht nicht um Liebe, es geht um die Selbstfeier und den Selbstgenuss in der großen Pose. Die Herzogin von Malfi, gespielt von der weitgehend ausstrahlungsfreien Ursina Lardi, ist eine Tussi von Malfi, ein narzisstisches Girlie, der die Welt eine Bühne ist, der Geliebte ein Requisit, der Hofstaat eine Disco. Kein Wunder, sie steht ja auch auf einer riesigen Bühne.

Auf allen vier Seiten des Zuschauerraums erstrecken sich die Spielflächen vor dem nackten Beton der Wände, in der Mitte des Raumes steht als zusätzlicher Auftrittsort ein Podest. (Bühne: Alex Harb). Das Publikum sitzt, wie damals bei Robert Wilsons „Death, Destruction and Detroit, Part 2“ am gleichen Ort, auf Drehstühlen und ist von allen Seiten von Theater umzingelt.

Die Schauspieler sind dem riesigen Raum ausgeliefert, jede Regung wird zur Show. Was dem Naturell der Girlie-Herzogin, die ihre Gefühle bigger than life zelebriert, natürlich sehr entgegenkommt. Christina Paulhofer hat „Die Herzogin von Malfi“, eine selten gespielte Tragödie des Shakespeare-Zeitgenossen John Webster, als Stück über die Künstlichkeit von Gefühlen inszeniert – sehr heutig und sehr kalt. Und sehr weit weg vom romantischen Schauermärchen, in dem die paradiesisch unschuldige, kindlich zarte Liebe von den kalten Machtmechanismen, den neurotischen Impulsen der beiden Brüder zerstört und die Liebenden ermordet werden – ein Taumel der sexuell aufgeladenen Gewalt, der alle, auch die Mörder mit sich in den Abgrund reißt.

Für diese Konflikte interessiert sich Paulhofer keine Sekunde. Die erotisch- neurotischen Zuckungen der Brüder kann sie so wenig ernst nehmen wie das eitle Süßholz-Geraspel der Herzogin von Malfi. In ihrem konsequent kaputten Theater sind Gefühle nichts und Show alles. Es geht um nichts mehr, nur noch um die ständige Selbstbespiegelung, die andauernde Produktion von Bildern des narzisstisch vergrößerten Selbst: Bild essen Seele auf. Überdeutlich wird das, als die Malfi, eingesperrt im Kerker, von ihrem Bruder Ferdinand halb vergewaltigt, getroffen von der Mitteilung, dass ihre Kinder ermordet wurden, sich wieder nur in großen Posen räkeln kann. Die Arme weit über den Kopf gestreckt, die Beine leicht gespreizt, das Becken lasziv vorgeschoben: ein Pin-up des Narzissmus. „Wem gleiche ich?“, fragt sie ihre Freundin, die sie aus der Ferne einer gegenüberliegenden Bühne bewundert. „Dem Bild in der Galerie“, ruft die über die Köpfe der Zuschauer zurück, „dem Bild in der Galerie, das sie zeigt“. Es ist ein schrecklicher Moment von Erlösung und Sinnstiftung: Endlich ist die Herzogin ganz Bild, Vergrößerung, Image geworden.

Diese Verwandlung von Leben ins Bild, die permanente Auflösung von Gefühlen, Glücksmomenten und Schmerzen in der Bilderproduktion könnte spannend und erschreckend sein, wäre die Darstellerin der Malfi ihrer Aufgabe gewachsen. Aber sie bleibt zwei Stunden lang kraftlos, langweilig und vollkommen nichts sagend. In der Darstellung einer grauenvoll banalen und seelisch verödeten Figur eine Sogwirkung zu entfalten, die wahrhaft erschreckend wäre, gelingt ihr in keinem Moment.

Ähnlich klischeehaft und flach ist das übrige Personal. Der Kardinal (Kay Bartholomäus Schulze): eine zapplige Charge, ein sabbernd Zukurzgekommener, der seiner Mätresse (blonder Vamp: Jenny Schilly) im Triebstau hinterher rennt und ab und zu böse bellt. Ferdinand, der in die Schwester verliebte Herzog (Lars Eidinger): nichts als eitles Räkeln, von Abgrund, Verzweiflung, Todessehnsucht keine Spur. Und das Wunschobjekt der Herzogin, der romantische Liebestraum (Ronald Kukulies): nicht viel mehr als ein Dutzendgesicht, ein austauschbarer Gelegenheits-Lover, ein nicht rechtzeitig entsorgter One-Night- Stand. Als ob die Inszenierung sich mit sich selbst langweilen würde, kippt sie zu allem Unglück auch noch zunehmend rasant ins blanke Spektakel, in dem die üblichen Videos rauschen, kümmerliche Kampfchoreografien für Peinlichkeit sorgen, immer was los ist und nie eine Figur, eine Situation, ein Gedanke schlüssig wird.

Wieder am 1./ 2., 5./6., 20., 29./30. 11.

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