Kultur : Bilder aus dem Land der angehaltenen Zeit

ANDREAS AUSTILAT

Anschauungsmaterial für das Gedächtnis: 55 Fotografen erstellen eine topographische Dokumentation ostdeutscher LänderVON ANDREAS AUSTILATLinks das Schloß, rechts der Plattenbau der LPG und davor ein Zelt.Warum? Warum hat der unbekannte Campingfreund sich nicht in die Tiefe des Vollrathschen Schloßparks verflüchtigt? Oder in die Weite der mecklenburgischen Landschaft? Keine Ahnung, im Grunde ist es auch ganz egal, André Kirchners Foto zeigt ganz etwas anderes: ein paar hundert Jahre Kulturgeschichte auf engstem Raum, nicht unbedingt schön, aber friedlich vereint. Das Bild ist eine von 18 000 Aufnahmen, Kirchner einer von 55 Fotografen aus Ost und West, Vollrathsruhe einer von 75 Orten in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg: Ergebnis eines vor gut drei Jahren von Diethart Kerbs, Professor an der Berliner HdK und Sophie Schleußner initiierten Projektes "Fotografie und Gedächtnis", das jetzt in der Galerie des Kulturamtes Friedrichshain zum ersten Mal gezeigt wird. Im Grunde lag die Idee auf der Hand.Seit 1989, seit dem Fall der Mauer, seit Kerbs wie andere Berliner auch zum ersten Mal das Umland bereisten und dabei feststellten, daß diese Reise zur Fahrt in die Vergangenheit gerät.Kerbs besuchte Dörfer, die es eigentlich nicht mehr geben dürfte, Bauerndörfer, die weder Wohnsiedlungen für stadtmüde Arbeitspendler noch "touristische Abziehbilder ihrer selbst" waren, alltagsgraue Kleinstädte, Fabriken, die ihr Innenleben immer noch hinter neogotischen Fassaden verbargen, Kulturlandschaften, die sich seit mindestens sechzig Jahren kaum verändert hatten. Auf der anderen Seite der Mauer, schreibt der Architekturkritiker Wolfgang Kil in dem die Ausstellung begleitenden Band "Brandenburg", machte man ähnliche Erfahrungen: "Ein Land der angehaltenen Zeit" kam zum Vorschein, "im Lichte unser neuen Welterfahrung".Und beiden, Kerbs und Kil, war klar, daß dieses Land verschwinden würde.Zuvor aber wollte Kerbs eine topographische Dokumentation anlegen, Orte fotografieren, die vielleicht noch nie fotografiert wurden. Kerbs fand mit der "Deutschen Bundesstiftung Umwelt", den Kulturministerien der beteiligten Länder, dem mecklenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und der HdK Förderer.Die Fotografen bewarben sich oder wurden geworben, die Zielorte wurden ihnen vorgegeben, oder sie fanden sie selbst. Es sind Bilder von melancholischem Reiz, die die vielen namhaften Fotografen - unter ihnen zum Beispiel der Leipziger Professor Arno Fischer, die Frankfurterin Inge Rambow, der Dresdener Christian Borchert und der Duisburger Diether Münzberg - gemacht haben.Aber es sind auch Dokumente des Verfalls und der Zerstörung.Gezeigt werden menschenleere Arbeitersiedlungen in Lauchhammer, mecklenburgische Gutsdörfer, die wohl bald wüst sein werden, Fabrikanlagen, deren Rohrsysteme wie Eingeweide aus dem aufgerissenen Leib hängen, vernarbte Herrenhäuser.Die Menschenleere unterstreicht noch den Eindruck des Verlassenseins.Und selbst die Zweckbauten der DDR-Fertigteil-Architektur, die einsamen Wartehäuschen aus Beton, die alten Minoltankstellen, die irgendwie rangepfuschten Vor-, Neben- oder Anbauten möchte man nach längerer Betrachtung schützend in den Arm nehmen. Kerbs weiß um den Vorwurf der Ruinenromantik und müht sich, ihn zu entkräften.Er weiß, daß ihn manche Dörfler davonjagen würden, wenn er diese Ausstellung bei ihnen zeigte.Er weiß auch, daß sich diese Landschaft nur aus einem Grund erhalten hat und der heißt Armut.Aber irgendwie sind vierzig Jahre oft improvisierter, zweifelhafter Nutzung den meisten Herrenhäusern besser bekommen als fünf Jahre Leerstand.Kerbs plädiert bedingungslos für den Erhalt wenigstens der Ruinen, wirbt für die historische Kulturlandschaft als einen Wert an sich, einen Wert, dessen Kurs steigt, wie er hofft.Er verweist dabei auf aufwendige Renaturierungs- und Rekonstruktionsmaßnahmen im Westen. So, wie die Bilder in einem privaten Fotoalbum "die Erinnerung an verflossene Lebensphasen" stützen, so hofft Kerbs, daß diese Sammlung einmal dem kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung auf die Beine helfen wird.Weshalb sie im Bebra-Verlag auch als dreibändige Bilddokumentation erscheint.Tatsächlich sind schon jetzt viele der abgebildeten Zustände Historie.Wer die Begleitbände wie einen Reiseführer nutzt, wird feststellen, daß er viele Orte so nicht mehr vorfindet.Und er wird sich selbst ein Bild machen können, ob er Augenzeuge des Fortschritts geworden ist. Fotogalerie am Helsingforser Platz 1, Berlin-Friedrichshain, bis 27.März; Dienstag bis Sonnabend 13 - 18 Uhr, Donnerstag 10 - 18 Uhr.Dreibändiger Katalog (Bebra) pro Band 28 DM, im Buchhandel 48 DM je Band.

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