Kultur : Bilder aus dem Paralleluniversum

Von der Verkaufsausstellung zum Supermarkt: Künstler suchen neue Zielgruppen

Katrin Wittneven

In Berlin wird dieser Tage die Tradition der „Großen Kunstausstellung“ wiederbelebt: „Zeitgenössisch! Kunst in Berlin“ heißt ein Projekt, das rund 380 Werke auf dem Gelände der Königlichen Porzellan-Manufaktur vereint. Auf einer Fläche von 2700 Quadratmetern sind hier Gemälde, Fotografien, Skulpturen und Installationen ausgestellt. Eine ungewöhnliche Kooperation steht hinter der Ausstellung: Die Künstlerförderung der Investitionsbank Berlin hat neue Konzepte zur Unterstützung von Künstlern gesucht und sich mit dem Landesverband Berliner Galerien, dem Verein Berliner Künstler und vor allem der Universität der Künste starke Partner ins Boot geholt. Zudem unterstützen Mentoren wie Elvira Bach, Gisela von Bruchhausen, Johannes Heisig oder Marwan mit ihren Werken ihre unbekannteren Kollegen. Und von denen gibt es viele: Über 700 Künstler mit Wohnsitz in Berlin hatten sich beworben, eine Jury wählte 200 aus, von denen jetzt fast jeder zwei Werke in der Verkaufsausstellung präsentiert.

Nur auf den ersten Blick erinnert dieses Konzept an die zum Ende hin unjurierte „Freien Berliner Kunstausstellung“, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren bis zu 2000 Berliner Künstler unter dem Funkturm vereinte – ein Gemischtwarenladen, der mit internationalen Standards nichts mehr zu tun hatte und Inbegriff des „alten West-Berlins“ war. Mit der jurierten Beschränkung haben die Veranstalter von vornherein gegen solche Wucherungen Vorsorge getroffen. Ihren kunsthändlerischen Beistand machte sich die Künstlerförderung etwa beim Einrichten der Ausstellung oder bei der Bewertung von Werken in der Artothek zunutze, in der über die Jahre 14 000 Werke angesammelt wurden. Neue Strategien und Kooperationen sind ohne Frage dringend nötig, denn die staatliche Künstlerförderung wird der Berliner Senat nicht mehr lange finanzieren, und die Investitionsbank versucht mit der Ausstellung, den Künstlern vor allem eine neue Plattform anzubieten.

Obwohl es kaum Überschneidungen mit der vielfältigen jungen Berliner Kunstproduktion gibt, die spätestens seit Mitte der Neunzigerjahre auch international reüssiert, ist die Ausstellung ein solch großer Erfolg, dass selbst die Veranstalter überrascht waren: Über 2000 Gäste kamen zur Eröffnung, und auch erste Verkäufe konnten bei Preisen, die größtenteils deutlich unter 5000 Euro liegen, schnell verzeichnet werden. Auf vielfachen Wunsch der bis zu 650 Besucher, die täglich den Weg zum schönen, aber durch Bauzäune eher unzugänglichen KPM-Gelände finden, wurde die Ausstellung jetzt sogar um zwei Wochen verlängert.

Es gibt offenbar einen regen Bedarf an käuflicher Kunst abseits der großen Kunstmessen und Galerien. Noch lösen diese bei vielen Besuchern Schwellenängste aus oder zeigen eine Kunst, die eben nicht jedem gefällt. Anders ist es bei einer so bunt gemischten Ausstellung wie „Zeitgenössisch!“, die das gesamte Spektrum von Kunstpublikation zeigt: Hier finden sich dokumentarische Fotografien, zarte Aquarelle, realistische Porträts, Klangskulpturen oder die medial inspirierten Ölbilder von Martin Juef, der zu den ganz großen Entdeckungen der Ausstellung zählt (10 400 Euro).

Schon seit Jahren wird auf dem gesamten Kunstmarkt versucht, mit neuen Konzepten die Künstler, die nicht von den großen Galerien vertreten werden, und ihre potenziellen Kunden zusammenzuführen. Der Tagesspiegel weist mit seiner aktuellen Serie „Berliner Blicke. Künstler malen ihre Stadt“ auch auf Maler hin, die noch nicht den ganz großen Sprung in den Kunstmarkt geschafft haben. Und die durch verschiedene Städte tourenden „Kunstsupermärkte“ wollen mit einem schlüssigen Marketingkonzept diese Lücke schließen, wobei sie vom qualitativen Angebot her oft zu wünschen übrig lassen.

Anders die „art.fair“ in Köln, die in diesem Jahr parallel zur Art Cologne ihr Debüt feierte. Sie hält weitgehend am klassischen Messekonzept fest, präsentiert mit besucherfreundlichen Öffnungszeiten jedoch nur Kunst, die preislich unter 5000 Euro liegt. Auch wenn mancher Besucher die Unübersichtlichkeit der ersten „art.fair“ beklagte, ging das in Konzept offenbar auf: 10 000 Besucher sahen die Messe, und 80 Prozent der 50 ausstellenden Galerien wollen sich im nächsten Jahr wieder beteiligen.

Gewissermaßen den Smart unter den Kunstmessen hat in diesem Jahr der Kulturberater und Veranstalter Bernd Fesel initiiert, der dafür seine langjährige Tätigkeit als Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Galerien niederlegte: Seine Veranstaltung „European Art Expo“ möchte mit einer überschaubaren Gruppe von 15 bis 20 Galeristen und thematisch abgestimmtem Angebot am Rande von großen Kunstausstellungen genau das Publikum erreichen, das zwar Kunst anschaut, aber bisher nicht kauft. Fesel sieht den richtigen Moment für eine Beschränkung gekommen, nachdem die Messen in den letzten Jahren für die Besucher immer unübersichtlicher geworden sind: „Gerade in der Reduktion liegt eine Chance“, sagt Fesel. Seine Idee stützte ebenfalls ein pfiffiges Marketing: Die ausstellungsbegleitende Zeitung lag mit einer Auflage von 100 000 Stück der Wochenzeitung „Die Zeit“ bei. Der diesjährige Auftakt in Düsseldorf verlief so gut, dass Fesel für 2004 gleich vier „Expos“ in Antwerpen, Düsseldorf (zweimal) und Spanien geplant hat mit Sonderpräsentationen für Fotografie, Malerei und Videokunst.

Zwar hat die Gegenwartskunst längst die hehren Hallen der Art Basel erobert, und auch die Auktionshäuser setzen auf junge Kunst, bedient wird dabei aber vor allem das hochpreisige Segment. Gerade auf den großen Messen können die Händler kaum etwas Günstiges oder vom Kanon Abweichendes anbieten – zu hoch sind die Investitionen für die Teilnahme. So spiegeln die neuen Konzepte auch die vielen Kunstszenen wider, die in Großstädten wie Berlin parallel existieren. Und dass es bei den neuen und alten Ansätzen zur Kunstvermittlung trotz moderater Preise nicht allein um zweitklassige Billigkunst geht, ist spätestens den Kunden klar, die es am Montag schaffen, in den Filialen von Aldi-Süd einen der signierten Drucke von Felix Droese zu ergattern. Zu einem Preis von 12,99 Euro.

Zeitgenössisch!, im KPM Quartier, Wegelystraße 1 (Zufahrt über Englische Straße), bis 14. Dezember, täglich 12 – 20 Uhr.

Informationen über „European Art Expo“ im Internet unter www.european-art-expo.net

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