Kultur : Bildverlust und Imageschaden

Berliner Kulturausschuss streitet über Kirchner

Nicola Kuhn

Was wäre wohl gewesen, wenn sich das Land Berlin geweigert hätte, Kirchners berühmte „Straßenszene“ den rechtmäßigen Eigentümern, den Erben in Amerika, zurückzugeben? Wenn diese Inkunabel des Expressionismus kurzerhand auf die Liste nationalen Kulturguts der Bundesrepublik gesetzt worden wäre, nachdem der Senat zuvor noch der Restitution zugestimmt hätte? Selbst die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, Alice Ströver, mochte sich das von ihr ins Spiel gebrachte Szenario nicht wirklich vorstellen. „Es hätte weltweit eine komplizierte Debatte heraufbeschworen“, beantwortete sie selbst die Frage zum Abschluss der Beratungen im Kulturausschuss, der gestern fast vier Stunden lang Recht und Moral im Falle der Kirchner-Rückgabe zu klären versuchte.

Nach offenen Briefen und Schlagabtausch in den Medien war dies die erste parlamentarische Auseinandersetzung um die umstrittene Restitution. Sie kommt zu spät: Das Werk ist dem Brücke-Museum längst verloren und auf dem Weg in die USA. Stattdessen hat die von Kultursenator Thomas Flierl (PDS) versäumte rechtzeitige Aufklärung über die Hintergründe, das anscheinend mangelnde Engagement für das Bild, einen Ton in die Argumentation der Restitutionsgegner gebracht, der zu Missverständnissen führen kann. Hier wird die seit dem Washingtoner Abkommen von 1998 getroffene Entscheidung, dass die Beweislast nicht mehr bei den Klägern liegt, also den Erben jüdischer Sammler, sondern den heutigen Besitzern, also dem Land Berlin, erneut in Frage gestellt. Strövers Parteifreund Oliver Schruoffenegger warnte zu Recht, dass durch die jetzige Debatte der Eindruck entstehen könne, das Land Berlin versuche sich aus der Sache herauszuwinden. Nach dem bestürzenden Verlust des Bildes gebe es auch noch den Schaden in der Kunstöffentlichkeit.

Die zur Aussprache geladenen Experten Wolfgang Henze vom Kirchner-Archiv in Bern und Lutz von Pufendorf als Vorsitzender des Brücke-Museum-Fördervereins vermochten den Ausschuss nicht von ihren Zweifeln an der rechtsmäßigen Restitution zu überzeugen. So hinterfragte Pufendorf die Glaubwürdigkeit der eidesstattlichen Erklärung von Thekla Hess von 1958, in der sie von der erzwungenen Herausgabe der Gemälde während des „Dritten Reiches“ spricht, und nannte den früheren Konkurs des Familienunternehmens als Grund für den Verkauf der Bilder. Mochte Flierl gestern überzeugen, so steht er doch vor einem Scherbenhaufen. Ströver attestierte ihm „Demokratiedefizit“, da er die öffentlichen Organe nicht informierte, der kulturpolitische Sprecher der CDU, Uwe Lehmann-Brauns, drohte gar mit Misstrauensvotum. Ebenfalls zu spät – es war die letzte Ausschusssitzung vor der Wahl im September.

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