Kultur : Biografie oder Struktur

Steffen Richter

Das Interesse am „Dritten Reich“, sagte Joachim Fest voraus, werde „so lange bestehen, bis der nächste Böse auftritt.“ Fest selbst hat dafür gesorgt, dass dieses Interesse nicht erlischt. Doch so unumstritten, wie er nun in vielen Nachrufen erscheint, war der große antitotalitäre Neinsager, der konservative Journalist und Historiker keineswegs. Schon mit seiner berühmten Hitler-Biografie zog er den Vorwurf auf sich, soziale Strukturen zugunsten der Psychologie des Diktators zu vernachlässigen. Einer von Fests heftigsten Kritikern ist der Historiker Hannes Heer . Er war für die erste, zurückgezogene Version der viel diskutierten Wehrmachtsausstellung verantwortlich. In seinem Buch Hitler war’s (Aufbau) meint er, eine „Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit“ sei im Gange. Er sieht mit der Fokussierung auf die Person Hitlers Entlastungsmythen aus der frühen Nachkriegszeit Urständ feiern. Neben Guido Knopps „Nazi-Clips“ dient ihm Fest als Kronzeuge: mit seinem Hitler-Buch, der höchst fragwürdigen Albert-Speer-Biografie oder der Vorlage für Bernd Eichingers Film „Der Untergang“. Ob wir fein raus sind, weil Hitler an allem schuld ist, kann man mit dem streitbaren Heer am 22.9. (20 Uhr) im Literaturhaus (Fasanenstr. 23, Charlottenburg) diskutieren.

Tatsache ist, dass noch immer erstaunliche Lücken im historischen Bewusstsein klaffen. Von Walter Frentz (1907–2004) etwa hat man bisher kaum Kenntnis genommen. Dabei war er Das Auge des Dritten Reichs . So heißt das erste umfassende und kritische Buch über Frentz, das Hans Georg Hiller von Gaertringen herausgegeben hat (Deutscher Kunstverlag). Der begeisterte Kajakfahrer Frentz war erst Sportfilmer und dann als Kameramann von Leni Riefenstahl an Filmen wie „Triumph des Willens“ und „Olympia“ beteiligt. Seit 1939 war er als Fotograf ständig in Hitlers Nähe. Von Frentz stammt das bekannte Foto aus dem März 1945, auf dem Hitler im Hof der Reichskanzlei letzte Auszeichnungen an Hitler-Jungen verteilt. Mehr über diesen Bildpropagandisten erfährt man am 20.9. (20 Uhr) bei der Buchvorstellung im Martin-Gropius- Bau (Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg).

Drei Jahre vor Günter Grass’ Geständnis vermeldete ein Lexikon, Star-Germanisten wie Peter Wapnewski, Walter Jens und Walter Höllerer seien als NSDAP-Mitglieder geführt worden – offenbar ohne ihr Wissen. Der Mediävist Wapnewski hat im ersten Teil seiner Autobiografie „Mit dem anderen Auge“ (Berlin Verlag) aus der Melange von Widerstand und Versagen kein Hehl gemacht. Nun stellt er am 25.9. (20 Uhr) in der Akademie der Künste (Hanseatenweg 10, Tiergarten) den zweiten Teil über die Jahre 1959 bis 2000 vor. Auch hier dürfte die Nazi-Zeit eine Rolle spielen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar