Biografie von Claude Lévi-Strauss : Die Welt als Ganzes begreifen

Er war einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts: Emmanuelle Loyers Biografie des Ethnologen und Strukturalisten Claude Lévi-Strauss.

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Claude Lévi-Strauss 2001 am Collège de France in Paris.
Claude Lévi-Strauss 2001 am Collège de France in Paris.Foto: AFP / JOEL ROBINE

Es gibt in New York einen verzauberten Ort, wo sich die Träume der Kindheit ein Stelldichein geben“, schrieb Claude Lévi-Strauss 1954 über einen Besuch des Naturkundemuseums der Stadt am Hudson, in der er 1941 als Emigrant Aufnahme gefunden hatte. Erst Jahrzehnte später veröffentlichte Lévi-Strauss den Text, der in diesem einen Satz Aufschluss darüber gibt, was ihn zu seinen ethnologischen Forschungen angetrieben und wie er sie verarbeitet hat. Lévi-Strauss behielt zeitlebens eine unverstellte Wissbegier, und er wollte die Welt als ein Ganzes begreifen, so wie sie sich Kinderaugen im Naturkundemuseum darbieten mag.

Zitiert hat den Satz die Pariser Historikerin Emmanuelle Loyer in ihrer monumentalen Biografie von Claude Lévi- Strauss (1909-2009). Das Buch kommt spät genug, um nicht mehr dem Mythos zu erliegen, der lange Jahre um den Erforscher und Deuter der Mythen gelegen hatte. Denn Lévi-Strauss war, seit er 1955 mit den „Traurigen Tropen“ ein Buch veröffentlicht hatte, das schon im Titel den Bruch mit der tradierten Ethnologie andeutete, einer der „Meisterdenker“ seines Landes. Der von ihm mitbegründete Strukturalismus beherrschte, etwa gegenüber dem Spätmarxismus eines Sartre, die intellektuelle Szene.

Idee des „wilden Denkens“

Loyer hält sich eng an den Weg des Forschers im französischen Universitätswesen, aber zugleich lässt sie Lévi-Strauss als Außenseiter hervortreten, der vor der Abfassung des Tropen-Buches „ein in seinem Land marginalisierter Akademiker im Schwebezustand“ gewesen sei. Was daraus hervorging, nennt Loyer hintersinnig einen „zutiefst Proust’schen Text“. Es ist die Erinnerung an die brasilianischen Expeditionen der dreißiger Jahre, auf denen Lévi-Strauss den indigenen Völkern begegnet – und das Zivilisatorische des Westens, von dem gerade Frankreich in seinem Kolonialismus durchdrungen war, verwirft. Und mit ihr die Möglichkeit von Wissenschaft: „Die geduldige und akribische Forschung führt nämlich keineswegs zur Kenntnis des Anderen, sie wird im Gegenteil als Sackgasse dargestellt: Entweder ist die gesuchte Andersheit verfälscht – die Indianer sind nicht mehr, was sie waren –, oder die radikale Andersheit macht sie unzugänglich.“ Daraus formt sich schließlich die Idee des „wilden Denkens“ – so der Titel eines weiteren Buchs von 1962 – als Bezeichnung der mythisch geprägten Weltsichten indigener Völker. Das mythische oder eben „wilde“ Denken ist eines der Verbundenheit mit Natur und Kosmos, ein der westlichen Rationalität prinzipiell entgegengesetztes, ganzheitliches Denken.

Der Weg zurück an den Beginn der Moderne

Lévi-Strauss’ Anthropologie formt sich in der Zeit der gewaltsamen Loslösung der französischen Kolonien. Dieser politische Aspekt, ohne den die Wirkmächtigkeit des schließlich mit allen denkbaren Ehren überhäuften Lévi-Strauss nicht zu verstehen ist, geht in dem Tausend-Seiten-Opus weitgehend unter. Was Loyer indessen herausarbeitet, ist der Weg zurück an den Beginn der Moderne.

Loyer spricht von Lévi-Strauss, wenn sie die späte Beschäftigung des 82-Jährigen mit Montaigne, dem Essayisten und Denker der Frühaufklärung, so zusammenfasst: „Er lehnt es ab, der erobernden Vernunft der Moderne alle Macht zu überlassen.“ Mochte Lévi- Strauss seinen verblassenden Ruhm überlebt haben – er starb 100- jährig im Jahr 2009 –, so tritt er in der Biografie Emmanuelle Loyers doch als einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts hervor.

Emmanuelle Loyer: Lévi-Strauss. Eine Biographie. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Suhrkamp, Berlin 2017. 1088 Seiten, 58 €.

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