Birk Meinhardt : Spiegeleier im Himmel

Birk Meinhardts DDR-Familiensaga „Brüder und Schwestern“ probt den Drahtseilakt zwischen sentenzschwangerem Pathos und überdrehter Groteske.

Insa Wilke
Alle für das Eine. Eine Hausgemeinschaft im thüringischen Bad Lobenstein auf dem Weg zur Volkskammerwahl (1981).
Alle für das Eine. Eine Hausgemeinschaft im thüringischen Bad Lobenstein auf dem Weg zur Volkskammerwahl (1981).Foto: ullstein bild

Am Anfang gehen zwei Ferkel den Bach runter. Das Drama spielt in der thüringischen Provinz, irgendwann nach dem Krieg. Von den Ferkeln wird man nie wieder hören, aber von einem der beiden experimentierenden, schuldig gewordenen Jungen: Willy Werchow. Er ist eine der Hauptfiguren in Birk Meinhardts Roman „Brüder und Schwestern“, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Es handelt sich dabei um den ersten Teil einer Familien-Saga, die – nach dem tragischen Vorspiel – im Jahr 1973 einsetzt. Am Ende des Buchs wird Willy als Leiche durchs Städtchen kutschiert und der Mauerfall steht bevor. Fortsetzung folgt.

Meinhardt kennen einige Insider als Sportjournalisten und Reporter. Zweimal wurde er für seine analytisch und erzählerisch klugen Reportagen mit dem Egon- Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Seit einigen Jahren hat er sich aufs literarische Schreiben verlegt: 2004 erschien sein Debüt „Der blaue Kristall“, es folgte „Im Schatten der Diva“. Beide Romane fielen nicht weiter auf. Das hat sich mit diesem dritten Buch geändert.

„Brüder und Schwestern“ erzählt von Schuld und Sühne einer Durchschnittsfamilie in der DDR. Der linientreue Familienvater Willy Werchow leitet eine Druckerei. Seinem wachsenden privaten und politischen Frust macht er in einer ausschweifend sexuellen Affäre Luft. Seine Frau Ruth, von Russen vergewaltigte Kriegswaise und Ziehtochter seines Vaters, treibt er mit seiner Eskapade in den Selbstmord. Die drei Werchow-Kinder sind mit anderen Dingen beschäftigt.

Erik verrät für seine Karriere im Außenhandel die eigene Schwester, verweigert aber später die Zusammenarbeit mit der „Firma“. Seiner Schwester Britta wird ein Biermann-Gedicht zum Verhängnis. Sie fliegt von der Schule, geht zum Zirkus und wird dort mit einer erotischen Tuch-Nummer ein Star. Matti, der aufrechte Moralapostel der Familie, erlebt als Kahnfahrer DDR-Alltag und schreibt einen Roman, der im Westen erscheint.

Gegen einen weiteren Familienroman aus der DDR gibt es nichts einzuwenden. Schließlich sind längst nicht alle Spielformen des Erzählens für die Abgründe deutsch-deutscher Familienverhältnisse ausgereizt. Allerdings wirkt es fast schon brav, wie „Brüder und Schwestern“ Klischees abarbeitet, während die Lebensläufe der Werchows entwickelt werden. Der Clou liegt woanders, nicht im Stoff, sondern in der Schreibweise.

In der jüngeren Literaturgeschichte erinnert sie an den elegischen Ton Uwe Tellkamps und an die schrillen Bilder von Jan Faktor. Wie das gleichzeitig geht? „Brüder und Schwestern“ versucht, dem Genre „DDR-Familienroman“ eine neue Facette hinzuzufügen und probt den Drahtseilakt zwischen sentenzschwangerem Pathos und überdrehter Groteske. In der Umsetzung erinnert das leider oft an die zwei armen, die Saale hinabtreibenden Ferkel.

Dabei leuchtet es ein, die von oben verordnete Paranoia und Spießigkeit der sozialistischen Gesellschaft zu nutzen, um eine Diktatur lächerlich zu machen. Und es gelingen schöne Nebengeschichten wie die vom geheimen Gewächshaus, in dem der zwielichtige Heiner Jagielka Blumen im Schnellverfahren züchtet, um sie mit Genehmigung der Partei in den Westen zu verkaufen. Aber insgesamt sitzt die Dramaturgie nicht, trägt Meinhardt sprachlich zu dick auf.

Der Teufel steckt im Detail. Ein Beispiel: Der alte Werchow wird beerdigt. Beim Leichenschmaus entbrennt ein Streit, und Willys Bruder aus dem Westen stürmt wutentbrannt aus der Gaststätte. Willy, der ihm sofort folgt, „sah nur noch das glutrote Aufflammen der Bremslichter am Ende des Marktplatzes“. Wie kann das sein, wenn er sofort hinterhergerannt ist?

Erstaunlich übrigens, dass Willy die „glutroten“ Bremslichter „sah“. In der Regel wird in „Brüder und Schwestern“ nämlich nicht gesehen, sondern „gewahrt“, nicht wahrgenommen, sondern „beigewohnt“. Die soziale Spießigkeit ist in die Sprache gesickert. Vielleicht soll es aber auch einfach nur literarisch klingen, wenn Matti sein Verlangen nach Catherine „in die Luft“ hängt „wie eine Spinne ihr Netz“. Und wenn ein Kapitel so anfängt: „Schwüler Juni. Tage, die verdunsteten. Der Himmel von fahlem Weiß, die Sonne von schleierhaftem Gelb; es schien, als hinge da oben ein riesiges zerlaufenes Spiegelei.“

So altmodisch wie die Sprache wirkt der Erzähler, der seine Leser mit einem Übermaß rhetorischer Fragen und moralischer Urteile bevormundet. Man hat den Eindruck, seinem Autor sei nicht bewusst, dass er im 21. Jahrhundert schreibt. Dass bei aller Ironie die Distanz zur erzählten Welt fehlt und den sprachlichen Oberflächen eine innere Haltung entspricht, zeigen Meinhardts „Schwestern“: „Ursprünglich“ und „somnambul“ sind sie „Wesen“, die zum „Anbeißen“ einladen und der Führung bedürfen.

Vielleicht passt genau das in unsere Zeit. Das wäre dann allerdings das eigentliche Drama dieses Buchs, das am Spagat zwischen Geschichtserzählung und Groschenroman, literarischer Ambition und seichter Unterhaltung scheitert. Denn selbst wenn das Unbeholfene und Ungenaue, die dramaturgischen Schwächen und fehlenden Motivationen, die Langatmigkeit und die sprachlichen Zumutungen Kalkül sind, also ein ganzes Genre parodieren, bleibt das Ergebnis der angestrengten Lockerheit eine Groteske, die idyllisch ist.

Birk Meinhardt: Brüder und Schwestern. Die Jahre 1973-1989. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2013. 704 S., 24,90 €.

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