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Der Münchner Hanser Verlag wird 75 – und vereint literarische Leidenschaft mit dem wirtschaftlichen Erfolg

Jörg Plath

Ein wenig erinnert der Münchner Carl Hanser Verlag an den Igel im Märchen, der dem Hasen sein „Ick bin schon da“ entgegenruft. Der Hanser-Igel zeigt selbst in trüben Zeiten helle Geistesgegenwart, er macht Laune und Leselust, mögen die Konkurrenten auch noch so hecheln, jammern und streiten. Jetzt wird das unabhängige Verlagshaus, in dem Umberto Eco, Elias Canetti, Peter Hoeg, Botho Strauß, Philipp Roth und Elke Heidenreich erscheinen, 75 Jahre alt.

Der Jubilar hat, wie so oft, eine bekannte und mehrere weniger bekannte Seiten. Kaum bekannt ist der Fachbuchverlag, den Carl Hanser 1928 gründete, und den er, anders als den 1933 eingestellten literarischen Zweig, auch im Dritten Reich weiterführte. Seine stabilen Erlöse sind bis heute das Fundament des literarischen Zweigs, der 1946 wieder die ersten Bücher vorlegte und in den letzten Jahren auch ökonomisch stark gewachsen ist: Seit 1993 erscheint ein ambitioniertes Kinderbuchprogramm, 1995 und 1998 wurden die schweizer Verlage Sanssouci und Nagel & Kimche sowie Zsolnay in Wien erworben. Kinder- und Geschenkbücher, schweizer und österreichische Regionalia, mitteleuropäische Dichtung von Weltrang, skandinavische Krimis von Henning Mankell, Literatur von Wilhelm Genazino bis T. C. Boyle – all das findet seinen Platz unterm Hanser-Dach, das im Jahr 2002 von 46,6 Millionen Euro Umsatz getragen wurde.

In den Neunzigerjahren sind auch andere Verlage expandiert, aber keinem ist es in solchem Maße gelungen, die Zukäufe als Gewinn für den intelligenten, weltoffenen Leser erscheinen zu lassen. Selbst die unterhaltsamen Titel vermag Hanser noch mit literarischem Flair zu versehen. Die Münchener, allen voran der Verlagschef Michael Krüger, betreiben da eine Veredelungsmaschine.

Der Ruf des Hauses wird allerdings auch sehr aufmerksam gepflegt, und das keinesfalls nur mit Politur. Das literarische Image erwirtschaftet der Verlag teuer: mit ambitionierten Lyrikbänden, mit der Zeitschrift „Akzente“ und der „Edition Akzente“, in der Schriften von Karlheinz Bohrer, Jan Assmann und Boris Groys erscheinen. Das ist die klassische Mischkalkulation, bei der gut verkäufliche Titel die weniger profitablen, oft verlustbringenden subventionieren.

Ähnlich verhalten sich Antje Kunstmann, oder Klaus Wagenbach. Es sind nicht zufällig kleinere Konkurrenten, denn Bescheidenheit gehört zum Geschäft und wohl auch die persönliche Bindung an das Kapital. Hanser ist einer der wenigen deutschen Verlage, die noch im Besitz einer Familie sind. Sie hat des öfteren Nerven bewiesen. Nicht nur im Herbst 1992, als die Umsätze im Buchhandel mal wieder einbrachen, soll der Literaturverlag kurz vor dem Aus gestanden haben. Der neue Roman von Philipp Roth lag wie Blei im Lager.

Damals wiegelte Michael Krüger nonchalant ab: „Man liest am Strand nicht ,Joseph und seine Brüder‘, man schaut den Frauen nach.“ Der 60-jährige Verleger ist selber Lyriker und Erzähler, er kam 1968 als Lektor zu Hanser und übernahm 1986 die Leitung des Literaturverlags. Krüger, eine Eminenz des deutschen und internationalen Literaturbetriebs, gibt die Zeitschrift „Akzente“ heraus, seine eigenen Romane und Gedichtbände erscheinen bei Suhrkamp. Michael Krüger ist wie der Igel im Märchen einfach überall, und er hat den Hanser-Verlag ein wenig nach seinem Bild geformt. Dabei ist ein Unternehmen entstanden, das die kultivierten Umgangsformen des alten Mittelstands mit den Anforderungen der Gegenwart versöhnt: eine international tätige Verlagsgruppe.

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