• Bizets "Perlenfischer" an der Berliner Staatsoper: Wenders macht Anfängerfehler, Barenboim überrascht

Bizets "Perlenfischer" an der Berliner Staatsoper : Wenders macht Anfängerfehler, Barenboim überrascht

Ein uninszenierbares Stück hat sich Filmemacher Wim Wenders für sein Debüt als Opernregisseur ausgesucht. Heraus kommt exotischer Edelkitsch. Ein Lichtblick ist der Dirigent.

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Große Gestik. Olga Peretyatko-Mariotti als Priesterin Leïla mit Wolfgang Schöne als Nourabad (li.) und dem Chor.
Große Gestik. Olga Peretyatko-Mariotti als Priesterin Leïla mit Wolfgang Schöne als Nourabad (li.) und dem Chor.Foto: Donata Wenders/Staatsoper

Im Interview mit dem Tagesspiegel hat Filmemacher Wim Wenders 2015 erklärt, warum ihn auch andere Kunstgattungen anziehen, warum er beispielsweise der Choreografin Pina Bausch oder dem Fotografen Sebastiao Salgado cinematografische Porträts gewidmet hat: „Ich drehe diese Filme vor allem, weil ich etwas besonders Schönes und Berührendes mit möglichst vielen Menschen teilen möchte.“ Dieses Bedürfnis hat ihn jetzt auch ins Experiment seiner ersten Musiktheater-Regie getrieben. Als Daniel Barenboim ihm anbot, gemeinsam eine Produktion an der Staatsoper zu realisieren, stieg in Wenders’ Herzen die Erinnerung an frühe Tage in San Francisco auf, als ihm, dem damals noch Glücklosen, Musik aus Georges Bizets Frühwerk „Les Pecheurs des Perles“ Trost spendete.

Aus der Jukebox in seinem Stammcafé wählte er immer wieder die beiden Hits der 1863 uraufgeführten Oper, das Freundschaftsduett sowie die Tenor-Arie. Auch wenn er die Repertoire-Rarität nie live gesehen hatte, wollte er genau damit unbedingt sein Debüt im Schillertheater geben. Sentimentalität allerdings ist in Kunstfragen keine gute Beraterin. Was nun bei der Premiere zu sehen war, lässt sich mit zwei Worten beschreiben: exotischer Edelkitsch.

Getrieben vom verklärten Gedanken hat sich der Filmemacher ein uninszenierbares Stück ausgesucht. Lieblos zusammengehauen ist das Libretto von Michel Carré, dem die Nachwelt immerhin die Textbücher zu Gounods „Faust“ und Offenbachs „Hoffmann“ verdankt. Für den unbekannten Nachwuchs-Tonsetzer Bizet aber gab er sich wenig Mühe: Schablonenhafte Figuren werden in stereotype Situationen gestoßen, die Geschichte kommt nur ruckweise voran, durch „Zufälle“ aus der Dramaturgie-Trickkiste. Allein die Tatsache, dass als Ort der Handlung zunächst Mexiko vorgesehen war, es dann aber Ceylon wurde, zeigt, wie austauschbar das Setting für diese Dreiecksgeschichte ist. Zurga und Nadir haben sich einst in dieselbe Frau verliebt, der schönen Priesterin dann aber – um ihrer Männerfreundschaft willen – abgeschworen.

Nun taucht zuerst der Tenor überraschend aus seinem selbst gewählten Exil auf, dann wird ausgerechnet jene Leila in ihr Dorf gebracht, um den Hindugott Brahma gnädig zu stimmen. Nadir erkennt die Verschleierte sofort, Zurga dagegen nicht. Sie gibt sich dem Tenor hin, der rasend eifersüchtige Bariton verurteilt beide erst zum Tode, ermöglicht ihnen dann aber doch die Flucht, nachdem er festgestellt hat, dass Leila jene Kette trägt, die er einst einem jungen Mädchen gab, als Dank dafür, dass sie ihm, dem Flüchtling, in ihrer Hütte Asyl gewährte.

In den „Perlenfischern“ zeigt Bizet zwar Begabung, aber tastet noch

Georges Bizet versucht gar nicht erst, musikalisches Lokalkolorit herzustellen: Im zweiten Akt wird Leila bei ihrer Romanze von einem Waldhorn begleitet, als träume ein Adelsfräulein in einem Loire-Schloss von Liebe. Dann singt Nadir offstage ein Ständchen zur spanisch anmutenden Gitarrenbegleitung. Das anschließende Liebesduett ist pures Verdi-Epigonentum. In den „Perlenfischern“ kann man einem zweifellos begabten, aber noch nach dem eigenen Tonfall tastenden Komponisten beim Üben zuhören. Andere Nummern klingen nach Geschunkel im venezianischen Karneval, nach Pseudo-Mittelalter oder Tanzbodenvergnügen bei einer Bauernhochzeit.

Um so kitschiger wirkt die Traumurlaub-Folie, die Wenders über das krude Drama legt. Immer wieder fährt an diesem zweieinhalbstündigen Abend ein Gazevorhang herunter, auf den wogende Wellen und sich wiegende Palmen projiziert werden, dramatische Wolkenformationen, ein bleicher Mond oder auch Gesichter in Nahaufnahme. Im nostalgischen Schwarz-Weiß ist das durchaus geschmackvoll gemacht, handwerklich perfekt sowieso. Durch Überblendungen von Bühnengeschehen und Filmpassagen entsteht außerdem mancher poetische Effekt. Der die Story aber nicht er-, sondern nur verklärt. Ins Schmonzettenhaft-Zuckrige nämlich.

Ein gewiefter, mit allen Absonderlichkeiten des Opernbetriebs vertrauter Regisseur könnte aus dem Opus vielleicht einen spannenden Abend machen. In dem es womöglich gar um Homoerotik geht, um zwei Männer, die sich die Liebe zu einer Frau ohne Unterleib konstruieren – nichts anderes ist Leila –, weil sie sich nicht eingestehen dürfen, dass sie in Wahrheit einander begehren.

Konventioneller, aber mit viel Schauwert hat die Regisseurin Penny Woolcock die „Perlenfischer“ jüngst an der New Yorker Metropolitan Opera in Szene gesetzt, in einem asiatischen Slum am Industriehafen mit viel Wellblech und Ölfässern, zudem mit einem Kostümmix aus traditionellen Saris und westlicher, bekanntlich dort hergestellter Billigkleidung. Dreißig Minuten lang hat Wim Wenders die Kinoübertragung dieser Produktion ausgehalten, dann wusste er, „wie ich es nicht machen wollte“. Seine Inselbewohner tragen abstrakte Outfits in Schwarz- und Rostrot-Tönen (Entwurf: Montserrat Casanova) und leben an einem Sandstrand, der knarrt, wenn barfüßig auf ihm herumgelaufen wird (Bühne: David Regehr). Schwarze Stoffbahnen bilden einen Rundhorizont. Wenn für die Verhör-Szene ein weiterer Vorhang herabgelassen wird, der einen Innenraum andeuten soll, dann kommt Heiterkeit im Publikum auf, weil der Chorist, der die Delinquentin Leila hereingeführt hat, beim Abgang zwischen den vielen Falten den Durchschlupf nicht mehr findet.

Mit grauer Kutte und mannshohem Stab scheint Wolfgang Schönes Oberpriester wiederum einer uralten Wolfgang-Wagner-Inszenierung des „Parsifal“ entsprungen zu sein. Auch die Massenszenen in ihrer rituellen Statik gemahnen an die unglücklichsten Bayreuther Aufführungen. Die schiere Präsenz des 86-köpfigen Chores hat Wenders bereits paralysiert, wie er im Vorfeld freimütig zugab. Sicher, von Martin Wright musikalisch präpariert, klingen die Damen und Herren prächtig. Der regelmäßige Staatsopern-Besucher aber weiß, dass sie sich, bei entsprechender Ansage, auch während des Singens bewegen können.

Als weiterer Anfängerfehler wollte der Quereinsteiger Wenders die Personenführung der Solisten im Dialog mit ihnen entwickeln. Das führte dazu, dass Olga Peretyatko zwar eine edle, selbst die heikelsten Koloraturen noch fein ausleuchtende Leila singt, sich aber mit einer so übertriebenen Stummfilm-Gestik bewegt, als wolle sie einen Operndiven-Parodie-Wettbewerb gewinnen. Auch Francesco Demuro ringt gerne seine Hände gen Publikum oder Himmel, während er den Nadir auf die schönste, weil absolut authentische Weise singt, nämlich mit jener tenoralen Schlankheit, jenem Mut zur Kopfstimme im hohen Register, die man im Paris des 19. Jahrhunderts bei männliche Helden hören mochte. Es ist lobenswert, dass Demuro dieser Ästhetik nachspürt – auch wenn es heute die an kraftstrotzende Powertenöre gewöhnten Hörer verwirren mag.

Die Überraschung des Abends liefert Barenboim

Der einzige, der in seinem melodramatischen Furor glaubwürdig erscheint, ist Gyula Orendt als Zurga. Weil bei ihm Melodie und Motorik im Einklang sind, weil er die Emotionen aus der inneren Körperspannung entwickelt. Ein aufblühender Heldenbariton ist hier zu erleben – und ein Nachwuchs-Star aus dem hauseigenen Ensemble, der 2011 als Greenhorn im Opernstudio angefangen hat.

Die große Überraschung des Abends aber liefert Daniel Barenboim. Der Maestro mit Vorliebe für alles Monumentale, der gefeierte Wagner- und Bruckner-Interpret, der gerne auch Beethoven ins Titanenhafte treibt, beweist erneut ein Gespür für französischen Esprit, für das Leichte, Duftige. Wunderbar filigran spielt die Staatskapelle für ihn, wenn Bizet im traditionellen Opéra-Comique-Stil schreibt, betörend entfaltet sich das Klangparfum in den atmosphärisch dichten, nächtlichen Szenen.

Wo aber bereits das Genie des jungen Komponisten für jene echte, unverstellte Dramatik aufblitzt, die seiner „Carmen“ ewigen Weltruhm sichert, da packen Barenboim und seine Musiker so beherzt zu, so leidenschaftlich, dass akustische Blitze aus dem Orchestergraben zucken – und das trübe Geschehen oben auf der Szene für einen Moment erhellen.

Alle Vorstellungen in dieser Saison sind ausverkauft, Tickets gibt es aber für die Wiederaufnahme im April 2018.

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