Kultur : Blasiges Blei

Michael Lentz huldigt Franz Mons Konkreter Poesie.

Tobias Schwartz

Wenn Sprache nicht mehr der Beschreibung eines Gedankens, eines Gefühls oder einer Sache dient, sondern radikal sich selbst zum Gegenstand macht, spricht man in der Literatur von Konkreter Poesie. An die Stelle von Inhalten treten die phonetischen, akustischen und visuellen Dimensionen von Buchstaben, Wörtern und Sätzen, die aus ihren Sinnzusammenhängen gerissen und in ihrer zeichenhaften Materialität zergliedert werden. Man kennt das in verschiedenen Spielarten von Kurt Schwitters, Ernst Jandl oder Helmut Heißenbüttel.

„Wir haben Sprache und Sprache hat uns“, lautet ein programmatischer Satz des Dichters Franz Mon, bei dem es sich um einen der bekanntesten Unbekannten der deutschen Nachkriegsliteratur und herausragenden Vertreter der Konkreten Poesie handelt. 1926 in Frankfurt am Main geboren, wo er heute noch lebt, gab er mit Walter Höllerer und Manfred de la Motte die Kultanthologie „movens“ heraus, gründete den Typos-Verlag und war Mitglied des legendären Bielefelder Kolloquium Neue Poesie, das im Hinblick auf die Internationalisierung deutscher Literatur zu Unrecht im Schatten der Gruppe 47 steht.

Im Schatten von Generationsgenossen wie Günter Grass oder Hans Magnus Enzensberger, mit denen er prägende Kriegserfahrungen teilt, steht auch Franz Mon, seit er literarisch – und literaturtheoretisch – tätig ist. Eine Erklärung hierfür ist schnell gefunden: Seine sprachzersetzenden, alles Selbstverständliche aushebelnden, teils nicht im eigentlichen Sinn lesbaren, sondern nur als visuelles Objekt wirkenden Werke fordern dem Leser einiges ab, allem voran die Bereitschaft zum freien Spiel der Assoziationen. So beginnt eine Vater-unser-Parodie namens „unsere tägliche kühlung vergib uns nie wieder“ mit den Zeilen „gelbnase fadensonne beidhändig genadelter phosphor/ im kernschatten/ füttert sein achsenlicht wickelt blasiges blei…“

Der Schriftsteller und Lautpoet Michael Lentz, ein Bruder im Geiste, hat nun unter dem Titel „Zuflucht bei Fliegen“ ein Franz-Mon-Lesebuch herausgegeben und mit einem instruktiven Nachwort versehen. Ein repräsentativer Querschnitt durch ein Jahrhundertwerk, dessen (Wieder-)Entdeckung ein echtes Abenteuer ist. Tobias Schwartz

Franz Mon:

Zuflucht bei Fliegen. Lesebuch.

Herausgegeben von Michael Lentz.

S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2013. 495 Seiten, 26,99 €.

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