Kultur : Blick in die Mündung

Was dabei herauskommt, wenn Eminem Kreide frisst? Ein neues Album. Und ein neues Genre: Agit-Hop

Nadine Lange

Michael Jackson hat brav mitgespielt. Kaum lief das Video „Just lose it“ auf allen Musikkanälen, regte sich der ehemalige King of Pop auch schon auf: „Ich bin sehr wütend über die Art, wie Eminem mich in dem Video darstellt“, sagte er in einem Radiointerview. „Es ist eine Sache jemanden zu veralbern, aber es ist etwas ganz anderes, jemanden zu erniedrigen und gefühllos zu sein.“ In dem Clip wird ein Jackson-Darsteller erst von Eminem vollgekotzt, dann verliert er beim Tanzen seine Nase und sitzt schließlich auf einem Bett, in dem kleine Kinder herumtoben.

Slim Shady hat also wieder zugeschlagen. Dass sein prominenter Gegner, derzeit vor Gericht, schon vor dem Kampf im Staub liegt, scheint er dabei übersehen zu haben. Und auch sonst ist Eminem auf der neuen CD „Encore“ (Aftermath/Interscope) nicht gut in Form: Er wirkt ein bisschen abwesend, fast gelangweilt. Er flucht noch und benimmt sich daneben wie eh und je, doch das alte Feuer fehlt ihm. Ist der weltbekannteste Superstar des Hip-Hop amtsmüde? Einiges am vierten Studioalbum deutet immerhin auf ein Ende seiner Schlüsselfigur hin – und damit auf eine Krise des gesamten Eminem-Systems.

Das neue Album „Encore“, das er heute in Berlin vorstellt, sollte ein weiteres Ausrufezeichen in der beeindruckenden Karriere des 32-Jährigen setzen. Deshalb veröffentlichte er vorab die Single „Mosh“ mit der er in die letzte Woche des US-Wahlkampfs eingriff: Über einem düsteren Beat schießt er mit scharfen Reimgeschützen auf die „Massenvernichtungswaffe, die wir unseren Präsidenten nennen“. Im gezeichneten Video stürmt eine ganze Armee unzufriedener Amerikaner hinter ihm ins Weiße Haus. Agit-Hip-Hop statt Psycho-Rap? Kein Zweifel, der weltweit erfolgreichste HipHopper sucht nach einer neuen Rolle.

Dabei scheint er sein altes Alter Ego Slim Shady nicht mehr zu brauchen. Erfunden hat er die Figur im Sommer 1997. Shady ist ein übles Monster, das unablässig Gewaltfantasien und dreckige Witze produziert. In dem Stück „Bonnie & Clyde“ etwa fährt Slim Shady mit seiner kleinen Tochter zu einem See, um die Leiche seiner Frau zu versenken, die im Kofferraum liegt. Natürlich gab es Ärger: Frauenrechtlerinnen und Elternverbände protestiert, die eigene Mutter verklagte Eminem.

Doch diese Maßlosigkeit ist Konzept. Das Übertreten von Normen verlieh ihm die nötige Authentizität. Mit Hilfe von Slim Shady verschaffte sich Eminem in einem von Schwarzen bestimmten Genre Respekt. Der weiße Hip-Hopper nahm an Freestyle-Battles teil, bei denen er durch Schnelligkeit und Kreativität beeindruckte. Als Außenseiter konnte er in diesem Macho-Genre nicht auf homophobe und frauenverachtende Reime verzichten. Es genügte schon, dass er mit Selbstironie und Witz arbeitete – eigentlich Rap-untypische, weil schwache Ausdrucksformen. Nachdem Hip-Hop-Legende Dr. Dre ihn auf seinem Label unter Vertag genommen hatte, erreichte Eminem endgültig die Anerkennung der Szene. Er wurde zum ersten weißen Hip- Hop-Ereignis seit den Beastie Boys.

Nach diesen Erfolgen konnte Eminem das Biest Slim Shady getrost in der Kiste lassen und sich stattdessen mit seinem zweiten Alter Ego Marshall Mathers (sein echter Name) sehen lassen. Es repräsentiert seine einfühlsamere Seite – und bereitete den Durchbruch in den Mainstream vor. Der Schlüssel-Song dieser Entwicklung ist „Stan“ von der „Mashall Mathers LP“: Dramaturgisch geschickt erzählt er von einem fanatischen Fan, auf den Eminem/Marshall mit viel Verständnis reagiert. Der ruhige Beat und das melancholische Dido-Sample halfen, ein neues Publikum zu gewinnen.

Noch mehr Anhänger gewann Eminem im Jahr 2002 mit dem Album „The Eminem Show“, dem Film „8 Mile“ sowie dem Soundtrack dazu. Vor allem Curtis Hansons mildes Bio-Pic korrigierte das lädierte Image. Eminem spielt darin einen netten jungen Rapper, der sich in die Detroiter Hip-Hop-Szene kämpft und sich nebenbei noch liebevoll um seine kleine Schwester kümmert, weil die Mutter nichts auf die Reihe kriegt. Anschließend brach ein regelrechtes Eminem-Fieber los: „Jedermann sprach über Eminem, er wurde ein Teil der Promimaschinerie, über die er sich auf seinem ersten Album noch lustig gemacht hatte“, schreibt Anthony Bozza in seiner Eminem-Biografie „Whatever you say I am“ (Heyne).

Aber mit der Umarmung des Mainstreams hat sich Eminem in eine vertrackte Lage gebracht: Längst ist er nicht mehr der arme Underdog, der sich durch jeden Tag kämpfen muss. Reichtum ist im HipHop, wo man Goldketten und Luxuslimousinen liebt, keine Schande – im Gegenteil. Trotzdem kommt es für ihn nicht in Frage, mit dem neuen Reichtum zu protzen – ebenso wenig übrigens wie nur noch nette Songs zu machen. Bleibt also die radikale Lösung: Slim Shady knallt alle ab und tötet sich anschließend selbst. Diese Vision zeigt das Booklet von „Encore“. Der Rapper trägt einen Anzug und verneigt sich vor einem schicken Upper- Class-Publikum. Auf dem Rücken versteckt er die Waffe, die er auf den Innenseiten abfeuern wird.

Doch vor dem Massaker gibt es noch ein buntes Abschiedsprogramm, in dem viele alte Bekannte aus der „Eminem Show“ auftreten: die böse Mama, die böse Ex-Frau, die liebe Tochter Hailie und natürlich Slim Shady. Selten war der Humor auf einer Eminem-Platte so flach. Dafür sind die ernsten Stücke interessant: In „Yellow Brick Road“ arbeitet Eminem einen Rassismus-Vorwurf auf und entschuldigt sich sogar. Ebenfalls zweifelnd zeigt er sich in „Toy Soldiers“, der mit den ironischen Stilmitteln einer militärisch anmutenden Snare-Drum und einem Achtzigerjahre-Sample die Sinnlosigkeit von Hip-Hop-Fehden anprangert.

Das vielleicht beste Stück der Platte ist „Spend some Time“, auf dem Eminem von den Rapperkollegen Obie Trice, Stat Quo und seinem Schützling 50 Cent unterstützt wird. Ein dezentes Streicherarrangement, ein Piano und ein Beat legen das Fundament für eine melancholische Ballade. Einen Hit von Rang wie „Cleaning out my Closet“ oder „Without me“ sucht man auf „Encore“ jedoch vergeblich. Alles wirkt routiniert. Die Beats sind solide und der Sound fließt, doch stets bleibt das Niveau knapp unter dem der „Eminem Show“. Und muss man die suizidalen Anspielungen der Platte nicht als Rückzug aus dem Popgeschäft deuten? Was aber kommt danach? Üblicherweise die Karriere als Filmstar. Wie es der Zufall so will, hat sich Eminem erst kürzlich ein Haus in Hollywood gekauft.

Eminem singt heute um 16 Uhr in den Berliner MTV-Studios. MTV überträgt live, vor dem Studio an der Stralauer Allee auch auf eine Großbildleinwand. Live-Radioübertragung auf „Fritz“.

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