Kultur : Blicke als Täter

PETER HERBSTREUTH

Die Deutsche Bank besitzt eine wachsende Sammlung von über 40 000 Kunstwerken.Jedes Jahr wählt sie einen Künstler aus, den sie Kunden und Mitarbeitern vorstellt.Zur "Künstlerin im Geschäftsjahr 1997" wurde Katharina Sieverding gekürt, deren Ausstellung unter dem Motto "Kunst am Arbeitsplatz" bereits in verschiedenen Versionen in Bankfilialen Deutschlands gezeigt worden ist.Nun kommt Sieverding in das Deutsche Guggenheim.Der Ort, an dem finanzielle Transaktionen die Hauptrolle spielen, ist ein Ort der Repräsentanz - so zeigt die Ausstellung ausschließlich öffentliche Bilder.Großformatige Fotoarbeiten stilisieren Sieverdings Gesicht zum multiplen Portrait und stellen sich als dämonische Gegenbilder zu Mannequins aus Modezeitschriften der siebziger und achtziger Jahre dar.Ein Großteil der Foto-Serien variiert Sieverdings Portrait seit 1969.Ihre jüngeren Fotoarbeiten bilden die faltige Haut von Kristallen ab.Sieverdings Arbeit setzte sich seit den siebziger Jahren im Zusammenhang der Diskussion über "Frauenkunst" und "Kunst von Frauen" durch.Die Sinnlichkeit der ersten Selbstdarstellungen kannte man damals nur von Fotos der Mansfield, Loren, Valentin.In Kunsthallen waren sie willkommene Abwechslung.Überdies sahen manche Frauen in ihr das Vorbild einer starken Frau.Das wirkte emanzipatorisch und half dem Bild, das Frauen von sich selber machten, in der Gesellschaft Geltung zu verschaffen und es dem "männlichen Blick" entgegenzusetzen.Sieverding trug dazu bei, daß Galeristen und Kuratoren die Arbeit einer Künstlerin nach Maßstäben beurteilen, die auch für Künstler gelten.Sieverding, heißt es, habe die Identitätsfrage von Person und Bild gestellt, früh die Fotografie als Kunst und sich selbst als Geschäftspartnerin durchgesetzt.

Sieverdings Stärke liegt in der Darstellung von Augen.Niemand sonst hat über fast drei Jahrzehnte hinweg Augen so stechend ins Bild gesetzt, daß Mütter und Väter ihre Kinder davon abwenden, weil sie um deren Gesundheit fürchten.Diese Aggression unmittelbar als "bösen Blick" im Bild wirksam zu machen, ist eine visuelle Leistung, die nur Sieverding so konstant in so vielen Variationen gelang.Dabei ist der Blick ohne Emotion, eher teilnahmslos wie hundert Augen einer Kunstmaschine im stillen Raum.Diese inhaltliche Dominanz wird durch rot-schwarze Färbungen gesteigert und gibt dem frontal blickenden Gesicht an der Wand den Anschein eines Subjekts.Wer es anschaut, fühlt sich angeschaut.Deshalb kann man altmodisch fragen, was die Bilder bedeuten, oder aber mit der Frage aus der feministischen Theoriebildung, was Bilder einem antun.Können Bilder Täter werden oder sind sie nur Objekt der Auslegung? Sieverding inszeniert den Blick als Waffe, nutzt ihr Antlitz zur Selbstheroisierung und läßt Barnett Newmans Jahrhundertwerk nur noch als bunte Hängefläche in Rot, Gelb, Blau für ihre "Arbeiten auf Pigment" gelten.Naive erstarren.Doch Sieverding kann, zumal im Bannkreis der Bank, mit rhetorisch geschulten Besuchern rechnen, die wissen, daß ein Bild ohne die Kniffe der Darstellung nichts ist und auch im Sonderfall Selbstdarstellung nicht mit der Wirklichkeit identisch sein kann.Was sich als Image durchsetzt, wird die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit stiften.Doch es gilt an vieles zu denken, wenn ein Künstler seit drei Dekaden so ironiefrei an der Sakralisierung des Selbstbildes arbeitet.

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13-15; bis 4.Oktober, täglich 11 bis 20 Uhr, Katalog 10 Mark.

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