Bloomsday : Hammelnieren für Odysseus

Am 16. Juni ist Bloomsday: Eine neue Hörspielfassung von James Joyce' "Ulysses" setzt Maßstäbe, mit 22 Stunden Sprachartistik, gewürzt durch puren Nonsens. Auf CD und zu hören auch auf Deutschlandfunk, RBB und SWR 2

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Huldigung vor Ort. Im Dubliner Arbeitszimmer von James Joyce, am Bloomsday 2009. Foto: Niall Carson/picture-alliance
Huldigung vor Ort. Im Dubliner Arbeitszimmer von James Joyce, am Bloomsday 2009. Foto: Niall Carson/picture-allianceFoto: picture alliance / empics

Am 16. Juni 1904 hatten ein 22-jähriger irischer Student und ein Zimmermädchen ihr erstes Rendezvous. Heute ist ein Feiertag der literarischen Welt daraus geworden. Der junge Mann, der einige Wochen später mit ihr Irland im Zorn verließ, ließ später sein berühmtestes Werk an diesem Tag spielen. An diesem und keinem anderen, denn der 1922 erschienene „Ulysses“ ist zwar 1000 Seiten stark, begnügt sich aber mit der reinen Handlungszeit von 19 Stunden.

Heute begeht man den Bloomsday, indem man zum Frühstück eine Niere verspeist und anschließend auf eine gestellte Beerdigung geht – jedenfalls tun das Hardcore-Fans in Dublin. Der „Ulysses“ wurde als irische Folklore vereinnahmt. Bei aller Fülle an Lokalkolorit ist es jedoch ein Werk, das den nationalen Rahmen sprengt. Der Annoncenakquisiteur Leopold Bloom und seine laszive Ehefrau Molly wirken nicht zufällig wie Fremde am Ort. Und Odysseus, in dessen Spuren Bloom wandelt, ohne es selbst zu wissen, ist der Mann, der programmatisch nicht zu Hause ist. Bloom hat ungarisch-jüdische Vorfahren und träumt sich im Laufe des Tages öfter in orientalische Fernen, als läge dort seine wahre Heimat.

Kein anderer Roman hat mit solcher Kühnheit Konventionen aufgesprengt. Zugleich ist der „Ulysses“ eine Pionierleistung des erweiterten Realismus. Ganze Bereiche des menschlichen Lebens – insbesondere der Körper und seine Bedürfnisse – hatten es zuvor in der Literatur allenfalls zu grobianischer Komik gebracht. Berühmt die Anfangssätze des dritten Kapitels, in denen Leopold Bloom das Licht der Weltliteratur erblickt. Das erste, was wir von ihm erfahren, sind gewisse kulinarische Präferenzen: „Am allerliebsten hatte er gegrillte Hammelnieren, die seinem Gaumen einen feinen Beigeschmack schwachduftigen Urins vermittelten…“ Bei Joyce haben die Figuren nicht nur eine äußere Physiognomie, sondern auch Mägen, Därme, Blasen.

„Joyce kann eigentlich nicht gelesen, sondern nur wiedergelesen werden“, schreibt Fritz Senn in seinem neuen Buch „Noch mehr über Joyce“, einer Sammlung ebenso profunder wie leichthändiger „Appetithappenings“. Neulinge haben beim „Ulysses“ oft den Eindruck eines strapaziösen Wirrwarrs. Erst nach einiger Zeit merkt man, dass jedes Detail in dem riesigen Puzzle passgenau ist. Spurensuche als Lesesport: die große Leopoldyssee oder Bloomiade. Deshalb ist das Joyce-Lesevergnügen nicht ohne Mühe zu haben. Auch das bloomsdaylange Hörspiel von Klaus Buhlert ist eine Herausforderung – eine großartige. Die unvergleichliche Polyphonie des „Ulysses“ wird sinnlich erfahrbar.

Stimmen, Musik, Motivarbeit, mit diesen Mitteln zieht das von SWR und Deutschlandfunk produzierte Hörspiel (zweifellos das beste des Jahres) Fäden durchs Labyrinth, öffnet Zugänge auch in die hermetischen Partien, etwa das Sirenenkapitel, einen opernhaft komponierten Text voller Lautmalerei. Literatur als Arie, was sich im Hörspiel sogar überzeugender vermittelt als bei der stillen Lektüre. Zum hochklassigen Sprecher-Ensemble gehören Dietmar Bär und Birgit Minichmayr als Leopold und Marion Bloom sowie Manfred Zapatka und Jürgen Holtz als Erzähler. Besonders toll: Thomas Thieme, dessen bärbeißiger Bass die grobianischen Rollen im Alleingang übernimmt und mit sächsischem Einschlag ins Komische hinüberspielt, darunter den Part des patriotischen Kyklopen. Der Einäugige setzt Bloom üblen antisemitischen Anwürfen aus.

150 Seiten des Romans wurden bereits von Joyce als eine Art Hörspiel geschrieben: das Kirke-Kapitel, ein phantasmagorisches Traumspiel im Bordellviertel, Dramen-Text mit absurd ausführlichen Regieanweisungen, die das Stück unaufführbar machen, sich aber als grandioser Lesetext erweisen. Es ist ein verwegenes Ragout aus Sauerei, Satire und subtilem Nonsens. Halbbewusste oder verheimlichte Wünsche, Ängste, Schuldgefühle werden in Szene gesetzt – und es kommt zu einem Tribunal gegen Bloom als Anarchisten, Bombenleger, stadtbekannten Hahnrei und Don Juan von Dublin.

Sehr hörspieltauglich sind auch die vielen Parodien und Sprachspiele, etwa wenn Corinna Harfouch den Kitschromanstil im Kapitel Nausikaa liest, wo Bloom am Strand voyeuristische Höhepunkte mit Gerty MacDowell (Anna Thalbach) erlebt, während sich das Feuerwerk in den Himmel über Dublin ergießt. Und wie schildert man zwei müde Männer, die nach ausschweifenden Erlebnissen im Hafenviertel angetrunken nach Hause schwanken? Indem man auch die Sprache stolpern lässt und sie überfrachtet mit matten Wendungen, schiefen Metaphern, verhedderten Assoziationen. Eine „müde Ein-Uhr-nachts-Schreibe“ hat Anthony Burgess das genannt. Wer dieses Kapitel gelesen hat, dem werden anschließend viele Bücher so vorkommen, als seien sie in Ein-Uhr-nachts-Schreibe verfasst, voller Stilblüten und Banalitäten.

Bloom ist kein Held von homerischem Zuschnitt, aber wie Odysseus ist er vielseitig, gewandt, erfindungsreich. Er hat auch viel zu bewältigen an diesem einen Dubliner Weltalltag, denn er weiß, dass seine Frau, eine begabte Freizeit-Sängerin, am Nachmittag mit ihrem Manager Blazes Boylan im heimischen Ehebett fremdgehen wird. Bloom nimmt das Geschehen in einer Mischung aus Verletztheit, Masochismus und untergründiger Befriedigung hin. Diese Gefühlsmischung ist weit entfernt von den theatralischen Affekten, mit denen solche Affären sonst behandelt werden. Viele Oberflächenwirbel in Blooms Tagesablauf deuten auf die tief liegenden Turbulenzen hin. Joyce amüsierten die Sentimentalitäten des konventionellen Romans; die heißen emotionalen Zonen, die Beglückungen und Beschädigungen seiner Hauptfiguren werden nicht melodramatisch ausgestellt, sondern in der Beiläufigkeit des Alltags angerissen. Beschädigt hat Bloom vor allem der Tod seines Sohns. Rudy starb elf Jahre zuvor nach nur elf Lebenstagen – seitdem hat auch das Sexleben der Blooms Schlagseite. Einen Sohn nach seinem Herzen sieht Bloom in dem fragilen Intellektuellen Stephen Dedalus, und das Heimkehr-Kapitel „Ithaka“ – Joyces eigene Lieblingsepisode – führt die beiden zusammen zu einem fast hundertseitigen Dialog in Interview-Form: lauter bizarre Fragen, die ausschweifende Antworten verlangen, gekühlt durch einen parodierten, durch alle Fakultäten wildernden Wissenschaftsjargon. Der Wortsammler Joyce liebte entlegene Fachbegriffe, „Kalipädie“ zum Beispiel, worunter man die gewiss hochseriöse „Lehre vom Zeugen schöner Kinder“ zu verstehen hat.

Jedem Kapitel setzt Joyce mit einem anderen Stil, einer anderen Schreibweise auch andere Augen, einen anderen Blick auf die Welt ein. Sprache rastert, sortiert, konstruiert Wirklichkeit – diese später beinahe zu Tode gerittene Grundwahrheit wird in keinem anderen Roman so produktiv gemacht wie im „Ulysses“. Und was in jüngerer Zeit als Errungenschaft des Popromans verstanden wurde, die Listen-Manie, hat Joyce bereits zur Vollendung getrieben. Seine Listen und Aufzählungskataloge widmen sich den absonderlichsten Themen und verselbständigen sich regelmäßig, treiben ab ins Aberwitzige, Skurrile, den puren Nonsens. Man lese nur die über zwei Seiten lange Liste all dessen, was Bloom so alles am Wasser „bewundert“.

Kaum erstaunlich, dass der „Ulysses“ selbst zum Anlass von Listen wurde. Fritz Senn verweist auf eine mit 571 Pubs, Institutionen und Läden, die im Roman vorkommen. Heute wirbt unter anderem eine Mineralwasserfirma mit ihrem Auftritt im „Ulysses“. Realiensucher haben in ihm beste Jagdgründe, weil Joyce ein Meister „im Verfertigen von Kontexten für zufällig Gefundenes“ war. Der britische Botschafter in Bern zum Beispiel wollte Joyce in einer Geldstreitigkeit nicht unterstützen. Er konnte seinen Namen später im „Ulysses“ wiederfinden – als Henker Rumbold.

Ulysses: Hörspiel. Regie Klaus Buhlert, Produktion SWR und Deutschlandfunk. Hörverlag, Hamburg 2012. 23 CDs, 1290 Min, 99,99 €.

Public Listening Party 16.6., Samstag, im ARD-Hauptstadtstudio (Wilhelmstr. 67a), Bühnenprogramm ab 17 Uhr. Moderation Denis Scheck, Eintritt frei

Funkausstrahlung 16.6., Samstag, auf SWR 2 (22 Stunden nonstop von 8 Uhr morgens an) und DLF (20.05 bis 3 Uhr), Fortsetzung 19./23./26.6. jeweils 20.10 Uhr.

Komplettlesung auf RBB Kultur, montags 14.30 – 15 Uhr, Wiederholung freitags ab 23.04 Uhr, jeweils sieben Tage danach verfügbar auf kulturradio.de

Der Salon actorscut.com (Willmanndamm 20, 10827 Berlin) feiert wie jedes Jahr Bloomsday und lädt von 16 Uhr bis Mitternacht zu Filmen, Lesungen und Guinness ein, 10 €.

Fritz Senn: Noch mehr über Joyce. Streiflichter. Nachwort von Sabine Baumann. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2012, 324 S., 22,95 €.

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