"Blue Moon" am Renaissance-Theater : Ruhm rettet nicht

Phänomenal: Sona MacDonald singt am Renaissance-Theater Lieder von Billie Holiday. Leider wurde dazu noch eine überflüssige Geschichte hinzuerfunden.

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Sona MacDonald lässt als Billie Holiday hundertfach Gehörtes völlig unverbraucht klingen.
Sona MacDonald lässt als Billie Holiday hundertfach Gehörtes völlig unverbraucht klingen.Foto: Moritz Schell

Volles Haus zur Premiere im Renaissance-Theater. Das ist ja eigentlich nichts Ungewöhnliches. Aber an diesem Abend, so kurz nach dem Anschlag am nahen Breitscheidplatz, eben doch ein gutes Zeichen. Ein kleines Fuck you Richtung Terror. Einfach die Theatertüren hinter sich zufallen lassen. Ob die Show weitergehen muss, sei dahingestellt. Sie tut’s jedenfalls, und das ist schön.

Auf dem Programm steht „Blue Moon“, eine Hommage an die Sängerin Billie Holiday. Keine konnte die Worte „Hunger“ und „Liebe“ so klingen lassen wie sie, heißt es im Stück einmal über sie, und da wird bestimmt was dran sein. Ausgedacht haben sich den Abend Torsten Fischer und Herbert Schäfer, er ist eine Koproduktion zwischen dem Theater in der Josefstadt und dem Renaissance-Theater. Die Premiere in Wien ist bereits über die Bühne gegangen und hat viel Beifall gefunden, aus teilweise nachvollziehbaren Gründen. Auch in Berlin gibt’s am Ende Standing Ovations und „Zugabe“- Rufe – was allein der Hauptdarstellerin Sona MacDonald zu danken ist, die für ihre Leistung schon den österreichischen Theaterpreis Nestroy entgegennehmen durfte.

Für Schauspielerinnen einer bestimmten Klasse sind solche biografisch-musikalischen Gedenkveranstaltungen natürlich ein Geschenk. Die Königsübung: gebrochene Diven mit Drogenproblemen und kaputtem Liebesleben verkörpern, ganz gleich, ob sie Marlene Dietrich, Edith Piaf oder eben Billie Holiday hießen. Vor allem Letztere hat mit ihrer exzessiven Vita eine Blaupause ohne Verfallsdatum geliefert für prominente Absturzkarrieren, siehe Amy Winehouse.

Sona MacDonald hat eine wirklich coole Stimme

Billie Holiday, geboren 1915 in Philadelphia als Eleanor Harris, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, wurde schon als Kind vergewaltigt, arbeitete später zusammen mit ihrer Mutter im Bordell und entdeckte noch ein wenig später einen Blues, der sie bis in die Carnegie Hall tragen sollte. Für eine schwarze Sängerin in dieser Zeit besonders beachtlich. Daneben allerdings ruinierte sie sich so gründlich mit Schnaps, harten Drogen und Beziehungen zu gewalttätigen Kerlen, dass sie den Ruhm kaum je genossen haben kann. Was für ein Melodrama.

Um das zu beglaubigen, braucht es Lebenserfahrung und eine wirklich coole Stimme. Sona MacDonald besitzt beides. Die ehemalige Zadek-Darstellerin lässt vom ersten Song an keinen Zweifel daran, dass sie der Herausforderung dieses musikalischen Vermächtnisses gewachsen ist. Mit „Body and Soul“ wagt sie sich, begleitet von der Harry-Ermer-Band, ins Oeuvre der Holiday vor: „My days have grown so lonely, for you I cry, for you dear only“. Das hat Tiefe und Stärke und schon den Unterton von Unrettbarkeit, der irgendwann die Oberhand gewinnen sollte.

Vielleicht hätte man es bei einem reinen Liederabend belassen sollen. Die Songs bergen ja schließlich ihre eigenen Geschichten. Stattdessen haben Regisseur Torsten Fischer und sein Dramaturg und Ko-Autor Herbert Schäfer eine Erzählerfigur hinzuerfunden, die später auch als prügelwütiger Lover auftritt. Nikolaus Okonkwo macht durchaus das Beste aus diesem ziemlich undankbaren Part. Was eine Leistung für sich ist. Schließlich muss er schon mit einer fragwürdigen Tirade ohne erkennbaren dramaturgischen Nutzen beginnen, in der unentwegt das N-Wort fällt. Soll wohl irgendwas über die rassistische Ära erzählen, in der Holiday sich als Schwarze mit sehr heller Haut behaupten musste.

Und dann auch noch: Blackfacing

Dass Sona MacDonald sich, apropos, kurz darauf auch blackfaced, ist nicht weniger ärgerlich. Als hätte es nie eine Debatte darüber gegeben, dass die Reproduktion rassistischer Stereotype im Theater fast immer ungut auf die Produzenten zurückfällt.

Überhaupt sind Text und Inszenierung nicht unbedingt auf der Höhe dessen, was man einen gelungenen Abend nennen könnte. Wo immer Schlaglichter auf Leben und Werk der Billie Holiday geworfen werden sollen, drängen sich die Geschwister Kitsch und Klischee mit Macht auf die Bühne. Das klingt dann so: „Ihr New York ist immer noch da, schwarz-weiß in unseren Köpfen. Der Swing, die Ballrooms, die verrauchten Clubs unter den Wolkenkratzern, die schimmernden Saxofone, der Schweiß auf der Stirn …“ Gibt’s davon ein Poster bei Ikea?

Man ist jedenfalls immer erleichtert, wenn Macdonald endlich wieder singt. Klassiker wie „The Man I Love“, „Summertime“, „Night and Day“, oder ganz zum Schluss das Titelstück „Blue Moon“. Wenigstens die Schauspielerin beweist, dass man auch hundertfach Gehörtes ganz unverbraucht klingen lassen kann. Und damit echt.

nächste Vorstellungen: 23., 25., 26. und 28. bis 31. Dezember

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