Kultur : Blutende Spiegeleier

Malerische Assoziationsräume: Die Bilder von Judith Ganz in der Galerie Funke

Nantke Garrelts
Flüssigfarben. „Weiche Ziele“ heißt Judith Ganz’ Gemälde von 2010. Foto: Galerie Funke
Flüssigfarben. „Weiche Ziele“ heißt Judith Ganz’ Gemälde von 2010. Foto: Galerie Funke

Die Kugel hat es eilig. Mit Überschallgeschwindigkeit rast sie durch den Dschungel, durch herabhängendes Gestrüpp und wabernde Dämpfe, die aus einer Ursuppe emporsteigen. „The Bullet’s Rushhour“ (3000 €) heißt das Bild von Judith Ganz, die aktuell in der Galerie Funke ausstellt. Auf neunzig mal hundert Zentimetern kommt es zur Kollision zwischen Technik und Natur, einem Hauptthema in Ganz’ Bildern. Diesem Gegensatz trägt sie auch in ihrer Maltechnik Rechnung: Ist der orangene Kugelblitz mit Acrylfarben auf Hochglanz gemalt, überwuchert das Dschungelgestrüpp den kalten Eindringling mit dicken Ölfarben in dunkelgrün und blau.

Im trüben Sumpf schwimmt ein weiteres Leitmotiv ihrer Bilder: die „Spiegeleier“, Ellipsen mit Halbkugeln in allen Formen und Farben, die zunächst aussehen wie ein organisches Objekt, ein Ei oder formlose Zellen mit Zellkern, durch ihre grelle Farbigkeit aber unnatürlich wirken. Genaus so gut könnten es kleine Ufos sein, ein Thema, das auf „Yellow Velvet“ (6500 €) großformatig in Form einer bedrohlichen Raumschiffflotte aufgegriffen wird. Hier trifft der weite, unendliche Kosmos auf das mikroskopisch Kleine. Sowohl die außerirdische als auch die bakterielle Bedrohung sind aber deshalb so faszinierend, weil man sie nicht sehen kann.

Judith Ganz spielt ebenso mit der Angst vor dem Ungewissen wie mit Uneindeutigkeiten: Immer wieder bricht sie den Eindruck der Dreidimensionalität mit grob hingeworfenen Strichen oder verleiht einem Farbguss durch Lichtpunkte überraschende Räumlichkeit. Die Künstlerin nennt ihre Ausstellung „Floating Liquids“, ihre Werke bezeichnet sie als „Konzeptkunst“. Womit sie vor allem meint, dass der Prozess der Entstehung sichtbar bleibt: Auf regenbogenfarbene, oft transparent zarte Hintergründe malt sie flächige, schimmernde Kugeln oder Bakterien, lässt dazwischen scheinbar unkontrolliert Farbströme fließen und haucht schwefelige Dämpfe darüber. Das Ergebnis sind halb figurative, halb abstrakte Motive, die sich ebenso an den rhythmischen Formen eines Wilhelm Nay wie am surrealen Vokabular von Max Ernst orientieren. Durchgängig kritisiert Ganz die reine Technikgläubigkeit, etwa in „Weiche Ziele“ (13 000 €). Die Kriegsszene im Dschungel könnte einem „Rambo“-Film entnommen sein, rote Blutlachen verleihen dem monumentalen Gemälde organische Ekelhaftigkeit.

„Floating Liquids“ ist die siebte Ausstellung der Galerie, die im vergangenen Oktober eröffnet hat. Galeristin Claudia Funke stellt in ihren Kreuzberger Räumen ausschließlich Werke von Frauen aus und legt Wert darauf, Musik und Videokunst zu integrieren. Außerdem bietet sie in jeder Ausstellung auch Werke zum kleinen Preis – in diesem Fall den Fotodruck „Fellpilze“ (99 €, Auflage: 25).Tier oder Pflanze, kaltes Material oder flauschiges Fell? Das muss der Betrachter entscheiden.

Galerie Funke, Willibald-Alexis-Straße 13/14; bis 2. Juli, Mi - Fr 13 - 18 Uhr, Sa 12 - 15 Uhr.

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