Kultur : Blutige Milchzähne

Der Thailänder Rattawut Lapcharoensap erzählt ironisch vom Kampf der Kulturen

Kaspar Renner

Der geheime Protagonist ist ein Hausschwein namens Clint Eastwood. Mit seinem Charme bahnt es ein Rendezvous zwischen einem thailändischen Hoteljungen und einer kalifornischen Touristin an. Warum es ausgerechnet nach dem Revolverheld aus „Dirty Harry“ getauft ist? Man weiß es nicht. Immer aber ist es die Populärkultur, sind es Splitter aus Kino, Reklame und Musik, die einen Augenblick der Gemeinsamkeit stiften in Rattawut Lapcharoensaps Erzählband „Sightseeing“. Selten geht das ohne Konflikte ab. „Pimperst du schon wieder mit den Hotelgästen?“, fragt die Mutter in der ersten Erzählung. „Dann gibt es Clint-Eastwood-Curry!“ Sprich: Das Schwein wird geschlachtet.

Lapcharoensap, in Chicago geboren und in Bangkok aufgewachsen, bricht den clash of civilizations stets ironisch. Das unterscheidet ihn von thailändischen Autoren wie Kukrit Pramoj, die Begriffe wie Herkunft und Tradition noch emphatisch verstanden. Der 27-Jährige, der Creative Writing an der Michigan University studierte, schreibt ein unprätentiöses, schnörkelloses, junges Englisch, oft mit amerikanischem Slang.

Die Globalisierung kommt zwar vor bei Lapcharoensap: thailändische Frauen, die BHs mit falschen Perlen besticken, Männer, die von Holzspielzeugkisten erschlagen werden. Sie ist aber nur die Folie, vor der sich die grundlegende Differenz von „fremd“ und „vertraut“ entfaltet. Eine der Geschichten beschreibt ein Wahrnehmungsexperiment: Eine Thailänderin, deren Augen erkranken, will, bevor sie erblindet, die Insel noch einmal buchstäblich mit anderen Augen sehen. Zu diesem Zweck ersteigert sie eine mit purpurrotem Strass besetzte Jackie-Kennedy- Hornsonnenbrille. „Nur für Dummköpfe und Touristen ist Thailand ein Paradies“, sinniert sie, als sie mit der Brille auf der Nase über ein Drahtseil zwischen Nord- und Südthailand rauscht – ein Ozean in jedem Auge, links blau, rechts braun. „Sightseeing“ heißt die titelgebende Erzählung, und „Sight“ bezeichnet hier Sehenswürdiges, aber auch das Sehen selbst.

Aus thailändischer Perspektive hat das Fremde zwei denkbar konträre Gesichter: Zum einen gibt es Touristen, die man in noblen Strandhotels empfängt und „Farangi“ nennt – eine außerirdische Spezies, die technologisch überlegen, aber barbarisch ist. Andererseits gibt es Flüchtlinge, die unter Wellblech hausen: „Für sie sind Ratten eine Delikatesse“, lästern die Thai. In dieser Atmosphäre schafft Lapcharoensap seine schönste Erzählung. Im Mittelpunkt steht ein kambodschanisches Mädchen namens Priscilla, wie Elvis Presleys Frau. Der Vater hat ihr das Familiengold übers Gebiss gezogen, als die Roten Khmer kamen: Sie sieht aus, als hätte sie „die Sonne verschluckt“. Eines Nachts brennt das Lager, die thailändischen Nachbarskinder riechen nach Benzin. Priscilla spuckt ihnen goldblutige Milchzähne in die Hand – als Abschiedsgeschenk.

Kein Zufall, dass sich die letzte Erzählung von „Sightseeing“ jenem Phänomen widmet, an dem einst die „Dichte Beschreibung“ erprobt wurde: dem Hahnenkampf. Clifford Geertz interpretierte ihn als eine mit Geld, Blut und Federn aufgeführte Version von „Schuld und Sühne“. Bei Lapcharoensap haben die geschwollenen Kämme der „Cockfighters“ eine sexuelle Konnotation. Zugleich steht Sozialprestige auf dem Spiel, wenn die Vögel sich fetzen. Sein Kampfprotokoll ist temporeich, präzise, fast filmisch: Ein zinnoberroter Bantamhahn fliegt auf, zwei Sporenstreiche, tot. Die Kultur als Mikrokosmos erschließen war Geertz’ Credo: ein Sandkorncredo. Bei Lapcharoensap gibt es viele Sandkörner. Mehr, als die Touristen je finden werden.

Rattawut Lapcharoensap: Sightseeing. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ingo Herzke. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006. 232 Seiten, 8,95 €.

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