"Blutiger Boden" - Fotos von NSU-Tatorten : "Es ist nichts zu sehen"

Irritierende Leere: die Bilder der NSU-Tatorte von Regina Schmeken im Martin-Gropius-Bau. Ihre radikale Schwarz-Weiß-Tristesse zeigt ein dunkles Land.

Heilbronn, abseits der Theresienwiese. Hier wurde im April 2009 die Polizistin Michèle Kiesewetter vom NSU erschossen.
Heilbronn, abseits der Theresienwiese. Hier wurde im April 2009 die Polizistin Michèle Kiesewetter vom NSU erschossen.Foto: Regina Schmeken/Martin-Gropius-Bau

Als die Fotografin zum zweiten Mal an den Ort kam, an dem Enver Simsek am 9. September 2000 seinen Lieferwagen geparkt und Schnittblumen auf Bierbänken und Tischen drapiert hatte, an dem er kurz darauf erschossen worden war, da hatte sich wieder ein Blumenhändler der Stelle bemächtigt. Die Parkbucht im Wald war einfach zu günstig gelegen für jemanden, der sein Geschäft am Straßenrand sucht. Warum sollte er ihm auch nicht ausgerechnet hier nachgehen im Dreieck mehrerer Autobahnen und eines Gewerbegebiets, Durchgangsverkehr garantiert?

Regina Schmeken, die Fotografin, trat auf den Blumenhändler zu. Ob er wisse, was hier passiert sei, fragte sie. Worauf der Mann in seinen Wagen langte, das in Folie eingeschweißte Plakat mit den Porträts der neun Opfern hervorholte, die vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ermordet worden waren, und seinerseits fragte: „Warum?“

Die Schuld steht außer Frage

Enver Simsek aus Schlüchtern war das erste Mordopfer der Terrorzelle, die aus Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe bestand. Der Frau wird derzeit in München der Prozess gemacht als der einzigen Überlebenden des Trios, die Beweisaufnahme ist abgeschlossen, in dieser Woche hat der Bundesanwalt mit seinem Plädoyer begonnen. Ihre Schuld stehe außer Frage, meint er. Zschäpe habe die Fassade eines bürgerlichen Lebens aufrechterhalten und die Taten der beiden Männer gedeckt, darunter den Mord an Enver Simsek, der im Laderaum seines Transporters beschäftigt gewesen war, als Mundlos und Böhnhardt von hinten an ihn herantraten und achtmal auf ihn feuerten. Sie ließen ihn verblutend zurück.

An Blut muss man unweigerlich denken beim Blick auf die Fotos, die Regina Schmeken von dem Tatort nahe Nürnberg gemacht hat, eine Lache breitet sich darauf aus. Dann ist es aber nur eine für sich unverdächtige Wasserpfütze, die den Asphalt dunkel färbt. Wie überhaupt das Dämonische von Regina Schmekens Schwarz-Weiß-Fotografien sich daraus speist, dass sie so leer sind. Von einer Leere, wie es sie nicht einfach nur überall gibt in diesem langweiligen Land. Sondern von einer Leere, die der Verlust erzeugt. Denn nur, wer etwas verloren hat, schaut wohl so genau nach, was da abhanden gekommen sein könnte, wie Regina Schmeken es in ihren auf das Abwesende fokussierten Bildern tut.

Fotografien vom Nichts

„Es ist nichts zu sehen“, sagt sie selbst über ihre Aufnahmen von den Orten. Warum aber fotografiert sie diese dann? Und warum besucht sie sie immer wieder?

Mit ihrem jetzt im Martin-Gropius-Bau über zwei Räume verteilten Projekt „Blutiger Boden“ ist die Fotografin einem Trauma auf der Spur. Feridun Zaimoglu nennt es in seinem Katalogbeitrag die Geschichte „einer großen Beschädigung“. Denn die Mordserie und das Versagen des Staates, ihr auf die Schliche zu kommen, hat das Vertrauen in die Rechtsorgane nachhaltig erschüttert.

Dass Anschuldigungen zunächst gegen die Angehörigen der überwiegend türkischen Opfer erhoben wurden, dass man nach Mafia-Verstrickungen suchte, statt den fremdenfeindlichen, ideologischen Charakter der Attacken zu erkennen, hat Wunden nicht nur bei den unmittelbar betroffenen Familien hinterlassen. Regina Schmeken, langjährige Fotografin der „Süddeutschen Zeitung“, findet für die Ungeheuerlichkeit des NSU-Rassismus die Formulierung, dass da Menschen aus dieser Wirklichkeit „entfernt“ werden sollten, „die anderes Blut haben“. Gegen diese Vernichtung kommt Fotografie nicht an. Sie kann ja nichts sichtbar machen, was nicht da ist. Das Bild einer Kölner Straßenecke, an der sich früher das Geschäft einer vom NSU mit einer Bombe angegriffenen Familie befand, bleibt eine Straßenecke.

Brachen, Ladenfronten, Parkplätze

Trotzdem hat sich die blonde Frau mit den großen Augen immer wieder zu all den trostlosen Ecken, Ladenfronten, Brachen und Parkplätzen begeben, an denen der NSU auf seine Opfer traf und sie tötete. Denn Schmeken wollte festhalten, wie sich die Orte verwandelten und wie genau die Zeit über sie hinwegging. Sie tut es nicht überall gleich schnell. In Dortmund sind die Rollläden des früheren Kiosks heruntergelassen, in dem Mehmet Kubasik vor elf Jahren starb. Die Gegend ist arm. Und auch Familie Yozgat in Kassel hat bis heute Schwierigkeiten, die Ladenräume zu vermieten, in denen ihr Sohn im selben Jahr hingerichtet wurde. Die Fassade haben sie schwarz getüncht.

An anderen „Tatorten“ erinnert noch weniger als das an die Morde. In Rostock, wo einst Mehmet Turguts Imbissbude stand, stehen nach Jahren zwei Steinbänke einander gegenüber, und eine Tafel weist auf das Geschehen hin. Obwohl Schmeken nur selten die Leichenfundorte in den Mittelpunkt rückt, hat der Boden optisch für sie enorme Bedeutung. Oft taucht sie mit ihrer Kamera tief hinab. „Die lagen ja alle auf dem Boden“, sagt sie einige Tage vor Ausstellungseröffnung, „die Verletzten, Gestürzten, Toten.“ Deren Perspektive nimmt sie nicht so sehr in einem Akt posthumer Aneignung ein als vielmehr, um Nähe zu schaffen, wo Distanz unweigerlich ist. So ist Schmekens Bildessay auch eine Reflexion darüber, wie sehr man von den Tatorten Rückschlüsse auf Deutschland ziehen kann. „Wie unschuldig sind Orte?“, fragt sie angesichts eines Smileys auf einer Hauswand. „Wie unschuldig können sie sein?“

Mythos Dunkeldeutschland

Ja, wie? Dass dieses Land dunkel, böse und verschlossen sei, ist ein von den Deutschen selbst gepflegter Mythos. Auch Schmekens oft radikale Schwarz-Weiß-Tristesse scheint dem zu entsprechen. Ihr Pathos des Vermissens führt aber nirgendwo hin. Für das letzte Bild ihres fotografischen Zyklus hat sie sich nach München begeben, in den Gerichtsaal des Zschäpe-Verfahrens, wo man seit vier Jahren nach Antworten sucht und von der Hauptangeklagten keine erhält. So steht am Ende bloß die geschlossene, graue Tapetentür, durch die Beate Zschäpe jedes Mal in den Saal 101A tritt, um das Schweigen fortzusetzen. Kai Müller

Regina Schmeken: Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU, Martin-Gropius-Bau, bis 29. Oktober, Katalog, 144 Seiten, 33 €.

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