Kultur : Bonjour Tristesse!

Ulrich Clewing

reist nach Kreuzberg und in die eigene Vergangenheit Zu behaupten, Kreuzberg sei das neue Berliner Kunstzentrum, wäre wohl übertrieben. Aber die Mieten am Schlesischen Tor sind immer noch erstaunlich günstig, was Unternehmen möglich macht, die woanders nie entstehen würden. Eines davon ist die Galerie Tristesse. Sie verdankt ihren Namen einem der berühmtesten Graffiti in Berlin, dem gleichlautenden Schriftzug auf der geschwungenen Fassade des Hauses gegenüber – übrigens ein preisgekrönter Entwurf des portugiesischen Architekten Alvaro Siza Vieira, an dem so lange gedreht wurde, bis ihm auch der letzte Funken Leben ausgetrieben war. In der Galerie Tristesse also, die eine Galerie sein könnte oder eine Bar oder beides, stellt der 1958 in Rom geborene Fotograf Saba Laudanna derzeit eine altbekannte Frage, über die nachzudenken sich stets aufs Neue lohnt: Was ist eigentlich das Wertsteigernde am Original, wenn man es zum Beispiel mit einer identischen Kopie vergleicht? Dabei operiert Laudanna mit Kategorien wie Setzung respektive Übereinkunft sowie Vervielfältigung. Das Originalmotiv kostet 550 Euro, die angestrebte Auflage von einer Million (!) pro Abzug nur 5,50 Euro, was mindestens ein nettes Rechenspiel ergibt (Schlesische Straße 38, bis 6. August) .

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Deshalb wird die Kulturgeschichte zwar nicht umgeschrieben werden müssen, als Einstimmung auf die zweite sehenswerte Ausstellung in der Gegend eignet sich Laudannas Arbeit aber auf jeden Fall. Die Galerie Laura Mars Grp. in der Sorauer Straße 3, nur ein paar Eingänge von der ebenfalls besuchenswerten Kunstbuchhandlung B-Books entfernt, ist ein verborgenes Juwel im Wrangel-Kiez. Dort zeigt die gebürtige Münchnerin Ursula Döbereiner, Jahrgang 1963, noch bis zu 31. Juli zwei Dutzend neue Zeichnungen (je 550 Euro). Für den ungefähr gleichaltrigen Betrachter ist es eine Reise in die eigene Vergangenheit – zurück an jenen Ort, wo aus unendlich vielen Starschnitten, Postern und Plattencovern einmal das juvenile Selbst konstruiert wurde. Allen anderen dürften wenigstens die Mechanismen, die da greifen, irgendwie vertraut vorkommen: Die Art, in der Filmschauspieler und Pop-Stars abgebildet werden, hat sich über die Jahre kaum verändert. Bestimmte Posen, Blicke, Images und Icons kehren immer wieder, und sie haben auch immer wieder das Gleiche zu bedeuten. Manchmal liegen Identität und Sehnsucht schon sehr nahe beieinander.

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