Kultur : Boykottiert die Boykotteure! Zwei ukrainische Autoren über die Reaktionen

auf Russlands Gassperre

Oksana Sabuschko

Wie Millionen meiner Landsleute habe ich begeistert der Neujahrsansprache von Präsident Juschtschenko zugestimmt, in der er forderte, dass „unser Ziel nun wirtschaftliche Unabhängigkeit“ sei. Und ich hoffe, dass die gegenwärtige Regierung der Ukraine genügend Rückgrat zeigt, der russischen Erpressung zu widerstehen. In der Kiewer Metro hört man Leute entrüstet über „diesen verdammten Zwerg Putin“ herziehen, und im Internet hat die Kampagne „Denkt ans Gas – Kauft keine russischen Waren!“ begonnen. Ich habe schon ein halbes Dutzend SMS mit diesem Slogan bekommen und bin inzwischen daran gewöhnt, im Supermarkt auf den Herkunftscode der Lebensmittel zu achten. Für Russland lautet er „46“, und das heißt: Zurück ins Regal!

Einige Kommentatoren behaupten ironischerweise, dass die russische „Gaserpressung“ die Ukraine wieder zu vereinen hilft, wie vor den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2004. Mein persönlicher Eindruck ist, dass der Kreml seine Gaspipelines nun so benutzt, wie er zu sowjetischen Zeiten mit seinen Nuklearwaffen umging. Er will dem Rest der Welt (und die Ukraine ist nur das nächstbeste Opfer) zeigen, wer der Herr im Hause ist. Das erscheint mir lächerlich und widerlich – was soll man anderes sagen? In einer Geschichte von Isaak Babel erklärt der Erzähler, warum er sich weigert, mit den Sowjets zu kollaborieren: „Weil sie die Regeln des Kartenspiels mitten in der Partie umgestoßen haben.“ Die Russen scheinen sich seitdem nicht besonders geändert zu haben.

Die Autorin, Jahrgang 1960, lebt als Lyrikerin, Erzählerin und Essayistin in Kiew. In den nächsten Tagen erscheint im Grazer Droschl Verlag ihr Roman „Feldstudien über ukrainischen Sex“. Weitere Informationen auf ihrer Website unter www.zabuzhko.com/en/index.html

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Unter den elektronischen Postkarten, die sich die Ukrainer zu Silvester schickten, zeigte die beliebteste eine leicht umgestaltete Flasche sowjetischen Sekts. Auf dem vertrauten Etikett war das Wort „sowjetisch“ allerdings durch „ukrainisch“ ersetzt. Darüber prangte der Zusatz: „Gasfrei“. Offensichtlich haben die Ukrainer ihren Humor nicht verloren, der unter anderem dazu beitrug, dass die orangene Revolution vor einem Jahr zu einem fröhlich-festlichen Ereignis wurde. Trotz der apokalyptischen Kommentare einiger Experten und der bedrohlichen Live-Bilder im russischen Fernsehen, wie man der Ukraine das Gas abdreht (erst als Probe, dann als Reality Show inszeniert), glauben die Ukrainer daran, dass sich alles regeln wird: Jede Wolke hat auch ein Silberband.

Tatsächlich bezweifelt so gut wie niemand in der Ukraine, dass der Übergang vom Tauschgeschäft zur Marktwirtschaft im Energiehandel mit Russland dem Land gut tun würde. Die Marktwirtschaft würde die parasitären Zwischenhändler und die korrupten Beamten zu beiden Seiten der Grenze ausschalten, die bisher von den fragwürdigen Geschäften profitieren. Zweitens würde die Energieverschwendung gestoppt, und die Unternehmen müssten sich nach neuen, energiesparenden Technologien umsehen; der weit verbreitete Energieklau würde abnehmen. Drittens würde die Ukraine ökonomische und nicht bloß politische Unabhängigkeit von Russland erlangen, was bisher allen erfolgreichen post-kommunistischen Ländern in den frühen Neunzigerjahren gelungen ist – so schmerzhaft es auch war.

Es scheint, als ob die eigentliche Kontroverse zwischen der Ukraine und Russland dem Grad des Übergangs vom Tauschhandel zur Marktwirtschaft gilt. Russland besteht darauf, dass sofort Marktpreise (oder das, was Gasprom dafür hält) eingeführt werden sollen. Die Ukraine beruft sich dagegen auf einen Vertrag aus dem Jahr 2002 und einen Zusatz von 2004, die besagen, dass Russland die Ukraine bis Ende 2009 mit Gas beliefert. Diese soll dafür mit Transitleistungen für russisches Naturgas über ihr Territorium bezahlen, 50 Dollar pro 1000 Kubikmeter.

Artikel 12 hält fest, dass jeder Streit, der über den Vertrag oder mit ihm in Verbindung stehende Themen ausbrechen sollte, an das Schiedsgericht der Stockholmer Handelskammer weitergeleitet werde. „Der Schiedsspruch ist endgültig und bindend für beide Parteien“, heißt es im Vertrag.

Der Fall scheint also eher simpel. Und man kann nur die Propagandakünste von Gasprom und der russischen Diplomatie bewundern, die aus dem Nichts ein internationales Medienereignis geschaffen haben. Ein bezeichnendes, obgleich kaum beachtetes Detail ist, dass Gasprom bisher keine Beschwerde nach Stockholm gesandt hat – wie es der Vertrag eigentlich vorsehen würde. Darüber hinaus hat Gasprom der Ukraine bisher keine offiziellen Dokumente zukommen lassen. Somit kann die Ukraine nicht selbst beim Stockholmer Schiedsgericht vorstellig werden.

Alle Statements und Drohungen aus Moskau werden übers Fernsehen ausgesprochen, und genau darin liegt der Schlüssel zum Verständnis des Problems: Es ist virtuell. Genauso wie es der zwei Jahre alte Konflikt um die Insel Tuzla in der Meerenge von Kertsch war, den Russland aus dem Nichts konstruierte. Damals brachte die Propagandashow dem Kreml kurz vor den russischen Parlamentswahlen klare Vorteile. Sie führte zur Marginalisierung der liberal-demokratischen Parteien und stärkte die Nationalisten der Regierungsseite.

Nun hat Russland den „Gaskrieg“ am Vorabend der ukrainischen Parlamentswahlen vom Zaun gebrochen. Dahinter ist die deutliche Absicht zu erkennen, die Juschtschenko-Regierung zu diskreditieren und pro-russischen Kräften die Rückkehr an die Macht zu erleichtern.

Allerdings überschätzt der Kreml wie schon während der orangenen Revolution seine Stärke, die Schwäche der Ukraine und die Passivität (oder sogar, aus Moskauer Perspektive, Dummheit) des Westens. Denn bisher hat der Propagandakrieg den pro-russischen Kräften in der Ukraine eher geschadet als genutzt. Die letzten landesweiten Meinungsumfragen haben gezeigt, dass 75 Prozent der Befragten die nationale Unabhängigkeit für wichtig halten. Im angeblich „pro-russischen“ Osten waren es immerhin 62 Prozent, im Süden 68 Prozent. Nur 22 Prozent bejahten die Frage, ob die Ukraine und Russland sich zu einem Staat vereinen sollten (was auch immer „vereinen“ heißen mag).

Ironischerweise könnte nun Gasprom selbst zum größten Opfer des indiskreten Propagandakrieges werden – dann nämlich, wenn die westlichen Länder nicht der Erpressung nachgeben und ein Schiedsspruch aus Stockholm erfolgt. Bisher hat die Ukraine etwa ein Drittel ihres Gasbedarfs aus Russland importiert, eine Hälfte aus Turkmenistan, ein Viertel produziert sie selbst.

Wenn man alle notwendigen Schritte unternähme, könnte die Ukraine ihren Gasverbrauch um ein Drittel senken. Dann würde der „Marktpreis“ von 230 US-Dollar, den Gasprom von der Ukraine fordert, auf die sicherlich realistischeren 110 US-Dollar fallen, die Georgien, die Türkei und die baltischen Staaten zahlen. Und auf gewisse Weise sollte die Ukraine Russland dankbar dafür sein, dass es ein Teil von jener Kraft ist, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. So zwingt der Kreml die Ukraine, eine verantwortungsvollere und reifere Nation zu werden. Mykola Riabtschuk

Der Autor, Jahrgang 1953, lebt als Schriftsteller und einer der führenden Intellektuellen des Landes in Kiew. Im März erscheint von ihm bei Suhrkamp der Essay-Band „Die reale und die imaginierte Ukraine“ – Aus dem Englischen von Gregor Dotzauer und Philipp Lichterbeck

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