Kultur : Brandmale

HELLMUTH KARASEK

Bilder haben manchmal, über das hinaus, was sie "faktisch" festhalten, berichten, erzählen, eine symbolische Kraft, man kann und darf das auch ihren propagandistischen Appell nennen.Ein solches Foto war gestern das Titelseitenbild des "Tagesspiegel": Zu recht.Denn die Aufnahme, ein wirksamer Bildausschnitt, ein effektvoller Close-up zeigte die Hand eines albanischen Flüchtlings aus dem Kosovo, der offenbar aus dem Balkan, aus einem Flüchtlingslager nach Deutschland ausgeflogen werden sollte.Auf der Hand ein Stempel: "Bundesgrenzschutzamt Köln.Sachgebiet Einsatz.Postfach 65 01 54.51026 Köln.

Ein Mensch also war registriert, war abgestempelt worden.Zu einer Versandsache degradiert, gleichsam mit einem Brandzeichen versehen - wie ein Vieh, wie ein namenlos zur Nummer gemachter Häftling: seine Existenz-, seine Transportberechtigung hing nur noch an einem Stempelaufdruck, er war abgestempelt, zu einem bürokratischen Vorgang entmenschlicht.

Das Bild weckte Unbehagen, sollte Unbehagen wecken.Gerade für uns Deutsche bricht mit solchen Assoziationen, mit solchen Bildern die ungute Erinnerung an unsere schreckliche Geschichte wieder auf, wie denn überhaupt jedes "Eingreifen" im Balkan, in Serbien, und sei es noch so geboten, gerechtfertigt, einer notwendigen Sache dienend, die schrecklichsten Kapitel unserer Geschichte als schrecklichen Widerschein aufflackern läßt.Ein Stempel auf einem Menschen, auf seiner schutzlosen Haut, erinnert das nicht mit perfider Logik an die KZ-Todesmühlen, an ihre Bürokratie?

So unausweichlich solche Assoziationen sind, so falsch sind sie: der Stempel dient nicht dazu, den Menschen einer Entwürdigungs- und Vernichtungsmaschinerie zuzuführen, sondern um ihn vor ihr zu retten.Nicht eine perfide deutsche Bürokratie bedrängt die Kosovaren, sondern versucht sie, sicher oft hilflos, panisch und in blinder Eile, vor dem serbischen Versuch zu retten, eine ethnische Säuberung durchzuführen.Nicht deutsche Polizeistellen haben die Flüchtlinge zu namenlosen Nummern gemacht, sondern die serbischen Räumungskommandos, die den panisch Flüchtenden nicht nur ihr Hab und Gut genommen, ihr Leben bedroht und ihre Verwandten "selektiert" haben, sondern sie auch, indem sie ihnen alle Papiere abnahmen, ihrer Identität beraubten.

Sie lebten, ihrer Würde längst beraubt, in Angst, Gestank, Dreck, Kälte und Not.Nun müssen, wollen andere Länder sie aufnehmen - schon allein aus humanitärer Pflicht.(Wer eine Grenze passiert, wird registriert.Wer keinen Paß hat, wer nur das nackte Leben, die Haut gerettet hat, hat - so schrecklich das klingt - nur sie als Ausweis, als Paß.Was also bürokratisch erscheint, ist eher improvisierend unbürokratisch - so scheußlich ein Stempel auf der Haut auch aussehen mag.

Er wirkt mit Fug und Recht abstoßend, weil er Ausdruck und Begleiterscheinung einer abstoßenden Sache ist: der ethnischen Säuberung, wie sie sich Milosevic vorgenommen hat und wie sie die Not zu bremsen sucht; ob mit den richtigen Mitteln sei sogar dahingestellt.Und noch eins: Ein Stempel ist keine Tätowierung, kein Brandzeichen bis in den Tod.Ein Stempel berechtigt zu einem Zugang; wer ihn nicht will, hat ihn in Sekundenschnelle abgewischt.Das weiß, um ein salopp geschmackloses Beispiel zu wählen, jeder Disco-Besucher.

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