Kultur : Braucht Politik den Pop oder Pop die Politik, Herr Renner?

RALPH GEISENHANSLÜKE

Er schrieb die rasanteste Erfolgsgeschichte des deutschen Musikmarktes.Renner begann mit 15 Jahren, indem er Reportagen über die Neue Deutsche Welle produzierte und sie auf Audio-Cassetten verkaufte.Nach kurzer Zeit erhielt er seine erste eigene Sendung beim NDR.Motor Music, 1994 vom Polygram-Konzern gestartet, machte 1996 zum ersten Mal über 100 Millionen Mark Umsatz.Als besonderes Verdienst Renners und seiner 32 Mitarbeiter gilt die langfristige Arbeit mit deutschen Künstlern wie Rammstein und Element of Crime und die Urbarmachung von Techno (Marusha, Robert Miles) für die Verkaufs-Charts.

TAGESSPIEGEL: Die deutsche Musikbranche verzeichnet zum ersten Mal seit Einführung der CD Umsatzeinbrüche.Ist das bei Ihrem Unternehmen auch der Fall?

RENNER: Wir haben im ersten Halbjahr 114 Prozent mehr umgesetzt als im Halbjahr davor.Wir sind weniger gefährdet, weil wir in Bereichen agieren, wo wir es mehr mit echten Musikliebhabern zu tun haben.Die Entwicklung trifft uns, wenn überhaupt, mit Verzögerung.

TAGESSPIEGEL: Manche Marktforscher machen für den Umsatzrückgang nicht nur die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland verantwortlich, sondern auch, daß die Anbieter den Menschen über 30 - der ja kaufkräftiger ist als ein Teenager - allein lassen.

RENNER: Jein.Die Industrie hat in den letzten Jahren diverse - auch erfolgreiche - Versuche unternommen, diese "Schläfer" zu reaktivieren.Es müssen eben spezielle Angebote wie Rieu oder Bocelli für ein älteres Publikum gemacht werden.Einen generationsübergreifenden Mainstream, von dem viele noch träumen, gibt es nicht mehr.Da geht es um Szenen und Stimmigkeiten, um Verankerung und Glaubwürdigkeit von Künstlern, da geht es um den Aufbau von unten - eine neue Aufgabe für Teile der Industrie.Der andere Aspekt ist die Haltung des Handels zum älteren Konsumenten.In Hamburg zum Beispiel boomt ein Laden, der sich spezialisiert hat auf Klassik und Jazz.Er hat ein Ambiente, das für Erwachsene absolut angenehm ist: nicht laut, kein Gedränge, etwas edler eingerichtet, kompetentes Personal.Ich glaube, der Konsument über 30 wird weniger von der Industrie im Stich gelassen als vom Handel.

TAGESSPIEGEL: Zur Zeit wollen viele Unternehmen Musik im Internet verkaufen.Teilen Sie als Geschäftsführer einer Plattenfirma diese Goldgräberstimmung?

RENNER: Die Industrie erkennt, wenn auch nicht allzu früh, daß sie agieren muß.Sie hat einen massiven Vorteil - mal abgesehen von allen Rechtsmitteln -, der darin liegt, daß sie nicht nur die Ware, sondern auch begleitende Inhalte hat.Was nicht funktionieren kann - und darin liegt die große Gefahr - sind Einzelauftritte.Es muß sichergestellt sein, daß ein gemeinsamer Auftritt aller Plattenfirmen zur Verfügbarkeit aller Veröffentlichungen führt und der Konsument ein erweitertes Angebot erhält.

TAGESSPIEGEL: Bei "Audio on Demand" von T-Online nehmen Sie nicht teil?

RENNER: Doch.Aus dem Grund, daß wir bei T-Online schätzen, daß alle Rechte bei uns verbleiben.T-Online verdient nur an den Übertragungsgebühren und ist selbst dort gewillt, die Industrie zu beteiligen.Man könnte kritisieren, daß bei T-Online der Preis für den Endverbraucher noch sehr unrealistisch ist.In der Regel zahlt man den Ladenpreis einer CD plus die Übertragungskosten.Das liegt daran, daß alle Beteiligten diese Entwicklung kontrolliert und langsam wachsen sehen wollen.

TAGESSPIEGEL: Wenn die Musik mit der Telefonrechnung bezahlt wird - was ist daran noch funky?

RENNER: Das ist dann funky, wenn Flächen geschaffen werden innerhalb der Angebote, wo sich Szenen online treffen, wo tiefergehende Angebote, bezogen auf die jeweiligen Szenen, gedockt sind.Ein Laden wird immer eine Funkyness haben, weil dort ein physisches Begegnen möglich ist - allerdings auch nur, wenn er sich irgendwie polarisiert, er also auf die Funkyness setzt.Das ist das Problem, das wir zur Zeit mit dem Einzelhandel haben.Der nutzt diesen Faktor Funkyness teilweise überhaupt nicht.

TAGESSPIEGEL: Welches Instrument sollte Gerhard Schröder spielen?

RENNER: Schlagzeug.Der Schlagzeuger hat innerhalb einer Band die Aufgabe, eine Grundlage zu bilden, auf der sich alle anderen bewegen.Er ist nicht unbedingt der Star der Band.Er sitzt eher im Hintergrund.Das wäre vielleicht der kleine Konflikt, den ich mit Gerhard hätte: Für mich gehört zur Aufgabe eines Kanzlers nicht nur das Rampenlicht, sondern auch, die Grundlage zu bilden, die dieses Land wieder grooven läßt.

TAGESSPIEGEL: Könnten Sie sich eine Band aus deutschen Ministern vorstellen?

RENNER: Das wäre schwierig.Eine gute Band besticht schließlich durch eine gemeinsame Vision.

TAGESSPIEGEL: Bei konservativen Wählern würden Politiker, die sich auf eine Bühne stellen, sicher durchfallen.Doch zur Zeit suchen Politiker über Popmusik den Draht zur Jugend.

RENNER: Für Politiker ist das Pop, was sie gerade noch verstehen, weil es mit Parametern zu tun hat, die es schon gab, als sie selbst jung waren.Wie die berühmte Lafontaine-Maffay-Allianz.Das hat natürlich mit Jugend, bei allem Respekt vor Herrn Maffay, herzlich wenig zu tun.Eine Auseinandersetzung Rammstein/Gerhard Schröder - das wäre spannend.Das würde eher dem Modell Oasis/Tony Blair entsprechen.

TAGESSPIEGEL: Weil Rammstein von einem faschistoiden Ruch umgeben sind?

RENNER: Der springende Punkt bei Rammstein ist, daß die Band aus dem Osten kommt.Sie hat ein völlig anderes Verständnis dieser martialischen Elemente, die mit unserer Kultur einhergehen und im Westen nach dem Nationalsozialismus komplett abgeschafft wurden.Die stalinistische Propaganda hat auch gern mit martialischen Elementen gearbeitet.Deshalb ist das für jemanden aus dem Osten ein Teil stimmiger kultureller Identität.Ein jüdischer Geschäftsfreund aus New York sagte mir, er habe vor den Deutschen immer Angst gehabt, weil sie es nie geschafft hätten zu den positiven Seiten ihrer Geschichte zu stehen und so ihre gesamte Geschichte zu verdrängen drohten.Wenn etwas verdrängt wird, kocht es im Unterbewußtsein und kommt irgendwann, inklusive der negativen Aspekte, wieder hoch.

TAGESSPIEGEL: Braucht der Pop die Politik?

RENNER: Wir kommen mit den globalen Verbreitungsmöglichkeiten an einen Punkt, wo unsere Industrie ernsthaft wahrgenommen werden muß.Angesichts der globalen Verbreitungsmöglichkeiten brauchen wir die Legislative und ein weltweit einheitliches Schutzabkommen.Geistiges Eigentum sollte Gegenstand des Gatt-Abkommens sein.In Europa tut man sich noch sehr schwer, die Relevanz von "intellectual properties" klar zu erkennen.Aber selbst wenn ein umfassender Urheber- und leistungsrechtlicher Schutz festgeschrieben wird, braucht man politische Maßnahmen, wenn ein freundlicher Server in Bulgarien oder Asien Musik ins Netz bläst, ohne mit irgendwem abzurechnen.

TAGESSPIEGEL: Die langen Übertragungszeiten für CD-Qualität sind ohnehin nur für Leute akzeptabel, die daraus Kapital schlagen wollen.

RENNER: Ich glaube, das entwickelt sich schneller als man denkt.Es geht nicht um die Frage: Passiert es? Sondern: Wann passiert es? Meine Generation ist konfrontiert mit einem Top-Management, das im Schnitt deutlich älter ist.Diese Leute sind potentiell dankbar für Prognosen, die sagen: Das passiert erst in 15 Jahren.Damit fällt es nicht mehr in ihre Verantwortung.Das Problem, das die Branche zur Zeit hat, ist, daß hier alle kollektiv agieren müssen, und das widerspricht dem, was diese Generation gelernt hat.Da sind noch die klassischen Ellenbogenklischees drin.

TAGESSPIEGEL: In der Presse werden Sie als "Senior" von Motor Music bezeichnet.

RENNER: Von der Position als Geschäftsführer her bin ich das zwangsläufig.Auch was die Dauer der Tätigkeit in der Musikbranche angeht.Vom Lebensalter her: nein.Mein Jazzchef ist mit 36 drei Jahre älter als ich.Ich bin der viertälteste.Der Durchschnitt bei Motor liegt bei 27,2.Das ergibt sich zwangsläufig, wenn man mit jungen Szenen zu tun hat.

TAGESSPIEGEL: Die chaotischen Verhältnisse in Ihrem Büro sind legendär.Haben Sie inzwischen die Umzugskartons ausgepackt und die Goldenen Schallplatten endlich mit Dübeln aufgehängt?

RENNER: Die Goldenen Schallplatten stehen so rum, weil niemand die Zeit findet, sie aufzuhängen.Die Kartons sind notorisch unausgepackt.Sie werden als Motor-Mitarbeiter nicht dazu gezwungen, aufzuräumen.Die Unordnung ergibt sich automatisch, wenn der Fokus im Schaffen liegt - und nicht darin, ständig zu dokumentieren.Ein Problem, das viele Firmen haben.Das frißt extrem viel Zeit.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie nach 12 Jahren im Musikgeschäft abends noch Lust, eine Platte aufzulegen?

RENNER: Durchaus.Aber nicht jeden Abend.Ich sitze im Büro in einer Akustik-Falle: Direkt unter mir sitzt der Alternative Rockbereich.Direkt neben mir beginnt das Dance-Department.In meinem Zimmer mischt sich dadurch ein Rock/Dance-Brei zusammen, der dazu führt, daß ich abends manchmal wirklich meine Ruhe brauche.

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