Kultur : Breite Einheit

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MUSIK IN BERLIN

Der Applaus nach dem dritten Satz von Tschaikowskis „Pathétique“ war redlich verdient. Selten hat man den vorletzten Satz so frisch und froh, so ungebrochen triumphal gehört. Kein Wunder, dass sich die Zuhörer erkenntlich zeigten für eine Interpretation, die alles quälende, verzweifelte dieses Mahlstroms ausblendete. Dafür drückten Leonard Slatkin und das Deutsche Symphonie-Orchester ungehemmt auf die Tränendrüse. Sentimental dämmerte die Musik dem endgültigen Verstummen entgegen. Zwar gab es in der Symphonie auch schöne Klänge, vor allem die Klarinettensoli waren exquisit, doch blieb Slatkin stets der aparten Oberfläche verpflichtet. Natürlich muss Musik nicht jedes Mal erschüttern und verstören, doch gerade bei Tschaikowskis letzter Symphonie muss hörbar werden, was den Komponisten zum schnellen Niederschreiben dieses Bekenntniswerks trieb.

Tschaikowskis Symphonie überstand es, nicht aber Joseph Haydns 67. Symphonie, die Slatkins Sicht in die Untiefen der Langeweile zwang. Behäbig und breit, beinahe im Einheitstempo laufen die Sätze ab. Nur wo Haydn die Klangfarbenwechsel vorschreibt, gibt es die Andeutung von originellen Ideen. Im Menuett zitieren zwei Geigen subtil einen ländlichen Tanz. Doch es verrät viel über Slatkins Humor, wenn er ihnen während des Spiels Geldscheine zusteckt.

Die Rettung nahte in Gestalt von Evelyn Glennie. Sie spielte das eigens für sie geschriebene Schlagzeugkonzert „Cosmodromion“ des Berliner Komponisten Christian Jost. Mit sehr körperhaftem Spiel verlieh sie den „Transmission“ überschriebenen Sätzen den nötigen Schwung. Besonders mysteriös oder gar verzaubert, wie andere Überschriften fordern, fiel die Aufführung zwar nicht aus, das Kreisen der Klänge und Motive um sich selbst und mittels im Saal verteilter Solisten auch um die Zuhörer zeigte jedoch deutlich die technischen und unmittelbar musikalischen Qualitäten der Komposition. Uwe Friedrich

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