Kultur : "Brot und Tulpen": Ich liebe dich

Veronika Rall

Der Film hat nahezu alles abgeräumt, was Italien an Preisen zu bieten hat: Die "David di Donatello" für Regie, Drehbuch und Darsteller. Ebenso die Kritikerpreise. Das italienische Kino, so scheint es, hat mit Silvio Soldini einen neuen Star. Sein Film, der mit bescheidenen 15 Kopien startete, lief nach dem Preisregen in 150 Sälen.

Wovon träumen die Italiener? Von einer großen Portion Freiheit und, wie könnte es anders sein, von der wahren Liebe. Die darf Rosalba finden, weil sie an einer Autobahnraststätte vergessen wird und beschließt, allein per Anhalter nach Hause, nach Pescara zu fahren. Mutig für eine Hausfrau jenseits der Lebensmitte - und noch mutiger ist, dass sie übers Ziel hinausschießt und Venedig ansteuert. Allein. Ohne Mann. Ohne Kinder. Und wie die (Kino-)Märchen wissen, wird Mut belohnt. Also wird Rosalba auf den schüchternen Fernando treffen, der sein Einsiedlerleben schon fast aufgegeben hat. Doch bevor sich die beiden die Hände reichen dürfen, um zu Gesang und Tanz anzutreten, haben sie eine Reihe von Hindernissen zu überwinden: Dicke Detektive spionieren der Hausfrau hinterher, Masseurinnen helfen in der Not, Blumenhändler überreichen beredte Nachrichten, wo Worte nicht mehr ausreichen.

Brot und Tulpen ist eine romantische Tragödie von klassischem Format. Silvio Soldini und seine Drehbuchautorin Dorianna Leondeff spielen die Möglichkeiten des Genres in allen Varianten durch. Sie scheuen weder das Klischee noch laufen sie in seine Fallen, dazu sind die Figuren zu präzise ausgearbeitet und zu gut gespielt. Die Hausfrau Rosalba wird von Licia Maglietta verkörpert, die in ihren besten Szenen ein Hauch der legendären Anna Magnani spüren läßt. Sie ist eine Frau aus dem Volk, die in Pescara zum Ersticken verurteilt ist. Venedig sehen und leben, scheint ihre Devise, und das ist bis ins Detail an ihrem Gesicht, ihrer Kleidung, ihrer Haltung ablesbar. Ihr gegenüber gibt Bruno Ganz einen fantastischen Fernando, der allabendlich in Kellnerlivree die Speisen in einer kleinen Trattoria serviert, nicht ohne kargen Sprachwitz. Seine Sätze sind so ziseliert wie die Möhren, die der Dekoration der Teller gelten - auf denen sich manchmal eben nur ein Thunfischsalat findet, weil die Köchin unpässlich ist.

Auch "Brot und Tulpen" gleicht eher einem einfachen Thunfischgericht denn einem kulinarischen Meisterwerk. Aber der Film will auch nichts besseres sein; darin liegt seine Klasse. Obwohl er grellbunte Bilder der Gesellschaft zeichnet, haftet ihm immer die Qualität des puritanischen, schwarz-weißen Neorealismus an: alles zu sagen, ohne große Worte zu machen. Nach manch artistischen Verrenkungen der Kinoästheten, nach dem Bombardement mit Geschmacksverstärkern, das der US-Film derzeit zelebriert, lässt Brot und Tulpen seine Zuschauer den Genuss wiederfinden, der einer schlichten, aber liebevoll zubereiteten und servierten Mahlzeit innewohnt.

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