Kultur : Bruder, komm zu mir in den Einbaum

Bernd Jansen hat 20 Jahre lang Happenings von Joseph Beuys fotografiert. Eine Ausstellung zeigt seine Porträts

Christian Schröder

War Joseph Beuys ein gläubiger Mensch? „Keine Ahnung“, sagt Bernd Jansen. „Er hat sich für alle Religionen interessiert, aber Heilslehren waren nicht sein Fall.“ Jansen, ein drahtiger Mann mit langen schwarzen Haaren, hat Beuys’ Arbeit zwei Jahrzehnte lang mit seiner Kamera begleitet. Eine Ausstellung in der Guardini Galerie, die eine Auswahl von Jansens Beuys-Fotos präsentiert, trägt den Titel „Stationen“, das klingt nach einem Kreuzweg. Die großformatigen Schwarzweiß-Abzüge sind in zwölf Blöcke aufgeteilt und kreuzförmig arrangiert. In der Mitte hängt jeweils ein Querformat, darüber und darunter hängen quadratische Motive. Kreuze waren für den Bildhauer und Aktionskünstler Figurationen des Denkens, daran will Jansen anknüpfen. „Beuys sah in dem Kreuz keine Leidensmetapher, sondern ein Symbol der menschlichen Existenz“. Immer wieder tauchen Kreuze in Beuys’ Kunst auf, aber es gibt auch andere Verweise auf religiöse Riten und Metaphern: Fußwaschungen, letzte Abendmahle, Lanzen, Flussüberquerungen. „Vielleicht war Beuys auf ähnliche Art ein Visionär wie Jesus Christus.“

Bernd Jansen spricht im freundlichen Singsang der Menschen, die am Niederrhein aufgewachsen sind. Er wurde vor 57 Jahren in Bedburg-Hau geboren und verbrachte seine Kindheit in Kleve, Beuys’ Heimatstadt. Seine Mutter berichtete als Lokaljournalistin über die Klever Kunstszene, der Vater – 1945 von den Briten als Landrat eingesetzt – war mit dem Klever Künstler Walter Brüx befreundet, der Beuys auf seine Aufnahmeprüfung an der Düsseldorfer Akademie vorbereitete. Die Lebensläufe von Jansen und Beuys kreuzten sich geradezu zwangsläufig. 1968, er studierte inzwischen bei Otto Steinert an der Essener Folkwangschule Fotografie, hat Jansen Beuys zum ersten Mal im legendären Raum 20 der Düsseldorfer Kunstakademie aufgenommen, wo er unterrichtete.

Beuys, umringt von Polizisten: Seine Klasse wurde geräumt, weil der Akademiedirektor eine dort stattfindende Agitprop-Versammlung verboten hatte. Beuys als Galionsfigur an der Spitze eines Einbaums: Fünf Jahre später war Jansen dabei, als der Kunst-Guru nach seinem Rauswurf als Professor in einer symbolischen Aktion von seinen Schülern über den Rhein gerudert wurde. Die Fotos zeigen Beuys, stets mit Hut, als Anstifter und Charismatiker. Jansen wurde angesteckt vom Geist des 68er Aufbruchs, auch wenn er nur „ein stummer, fotografischer Beobachter“ war. Weil er es nicht mag, „zu einer Horde von Fotografen“ zu gehören, hat er Beuys später lieber im intimeren Rahmen getroffen, ihn immer wieder aufgesucht. Zu etwa zwanzig solcher Begegnungen kam es bis zum Tod des Predigers der „sozialen Plastik“ 1986. Jansen verehrt Beuys bis heute als „Schamanen“, das sei für ihn ein „positiver Begriff“. Ihr Verhältnis, sagt er, sei durchaus „freundschaftlich“ gewesen.

Das größte Lob über Jansens Fotos stammt von Beuys: Er habe auf ihnen „etwas entdeckt“ was er über seine Kunst vorher „noch nicht gewusst“ habe. Beuys’ Happenings waren Inszenierungen, bei denen er gleichzeitig als Regisseur und Hauptdarsteller agierte. Die Werke, die heute weltweit in Museen gezeigt werden – die Filzobjekte und Fettecken, in Vitrinen oder Stahlregalen versammelten Multiples –, sind im Grunde tote Relikte, Erinnerungen an längst vergangene Ereignisse. Umso größere Bedeutung kommt den Fotos zu, die Beuys bei der Arbeit zeigen. Bei ihren Begegnungen, erzählt Jansen, seien „starke Bilder, die der Beuys gar nicht vorhersehen konnte“, entstanden.

Die zwölf Fotomontagen, die Bernd Jansen für die „Stationen“-Ausstellung zusammengestellt hat, sind in ihrem Aufbau identisch. Oben ist eine Sequenz mit Bildern aus der Aktion „Pangenese“ zu sehen, in der Mitte Bilder verschiedener anderer Aktionen – Beuys Klavier spielend, zeichnend, Ausstellungen aufbauend –, unten das berühmte Porträt, das Beuys mit rußgeschwärztem Gesicht am Ende der Aktion „Freitagsobjekt“ in der Düsseldorfer „Eat Art“-Galerie von Daniel Spoerri zeigt. Da hatte Beuys Bratheringe gegessen, die Gräten an der Decke der Galerie aufgehängt, sein Gesicht mit Asche verschmiert und sich am Ende als „armer Mann“ in eine Ecke gesetzt.

„Pangenese“ war ein Happening in Beuys’ Klasse, bei dem sich der antroposophische Ernst des Meisters mit dem Apo-Ulk seiner Schüler mischte. Auf Jansens Fotos sieht man Beuys, wie er seinem nur mit einem Lendenschurz bekleideten Schüler Kurt Verhufen dabei hilft, sich an ein an der Atelierwand angelehntes Kreuz zu hängen. Verhufen, schreibt Johannes Stüttgen im Katalog, „konnte sich kaum halten und schaffte es vielleicht fünf Sekunden. Völlig außer Kräften rief er: Beuys! Helft mir! Johannes, hilf mir! Unter ihm postiert, ergriffen wir ihn an den Beinen und ließen ihn herunter“. Anschließend wurde ein Tonband gestartet, auf dem in einer Endlosschleife die Telefonansage „Kein Anschluss unter dieser Nummer“ und der Zwischenruf „Hast du Kant gekannt?“ zu hören waren.

Bernd Jansen hat bis in die Achtzigerjahre für den „Stern“ fotografiert, seither konzentriert er sich auf eigene Projekte. In der Guardini Galerie ist neben den Beuys-Bildern auch eine Reihe von Porträts zu sehen, die er von anderen Düsseldorfer Künstlern gemacht hat. Gerhard Richter steht verwackelt neben einem seiner ebenso verwackelten Gemälde. Günther Uecker trägt einen riesigen Nagel unterm Arm. Sigmar Polke räkelt sich in einer Schlangenhaut auf dem Teppich. Vielleicht ist das das Schönste an Jansens Fotos: Sie verleiten selbst die größten Großkünstler zu entwaffnender Selbstironie.

Guardini Galerie, Askanischer Platz 4 (Kreuzberg), bis 1. Juli, Di bis Fr 14-19 Uhr.

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