Kultur : Bruderliebe, Bürgerkrieg

Kino als Wahrheitsdetektor: Der Festival-Jahrgang 2006 bot reichlich Sex und Politik – aber wenig Leidenschaftliches

Jan Schulz-Ojala

Im achten Anlauf hat Ken Loach es geschafft. Sieben Mal nahm er seit 1981 am Wettbewerb um die Goldene Palme teil, je zweimal jagte er nach dem Goldenen Bären und dem Goldenen Löwen – immer vergeblich. Nun triumphiert der unbeugsame britische Sozialist, der am 17. Juni 70 Jahre alt wird, mit „The Wind That Shakes the Barley“ und gewinnt erstmals die höchste Trophäe auf dem größten der drei großen Festivals Cannes, Berlin und Venedig. Einstimmig, wie Jury-Präsident Wong Kar-wai gestern abend im Festivalpalast betonte, ging der Preis an einen Film, der die Wunden der irischen Jahrhundertfeindschaft in die Metapher einer sich in Krieg verwandelnden Bruderliebe fasst: zielsicher, zügig, schnörkellos.

Gerechter Lohn für einen schönen Film also – und später Lorbeer für einen bislang Zukurzgekommenen, der oft die sozial Zukurzgekommenen zu seinen Filmhelden macht. Unversehens entsteht jener Hauch von Feierlichkeit, der sich sonst mit Auszeichnungen fürs Lebenswerk verbindet. Loach selber, frisch bekränzt, beförderte das Gefühl sogleich mit einem fragwürdigen Grundsatz: „Wenn wir es schaffen, die Wahrheit über die Vergangenheit zu erzählen, dann gelingt es uns vielleicht, auch die Wahrheit über die Gegenwart zu erzählen.“ Als ginge es vor allem darum, die wunderbare Erfindungs-, Deutungs- und Illusionsmaschine Kino an einen Lügendetektor anzuschließen. Aber so ist Ken Loach, und so muss man ihn, der fest zu seinen Wahrheiten steht,wohl lieben.

Ein Altmeister des europäischen Autorenfilms hat sich durchgesetzt in Cannes, und mit reifen Autorenfilmen hob der Wettbewerb auch an – die Preise für Pedro Almodóvars Publikumsliebling „Volver“ zeugen ebenfalls von der Stärke jenes Kinos, für dessen Förderung das Festival seit einem Vierteljahrhundert steht. Noch einmal haben die Alten die Nase vorn vor der Generation der 40-Jährigen – wenn auch der Franzose Bruno Dumont, der Mexikaner Alejandro González Iñárritu und die britische Newcomerin Andrea Arnold weitere wichtige Preise holten. Aber selbst dies: keine Überraschung. Kein großer Jubel, keine Trauer. Die 59. Ausgabe von Cannes ist eine ohne Katastrophen und ohne Happy End. Eine, bei der niemand etwas Rechtes zum grenzenlosen Jubel oder, schöner noch, zum leidenschaftlichen Streiten gefunden hätte. Weshalb sich nun alles zur unerquicklichen Trendforscherei in einem Bildergebirge aufmachte, das sich disparat wie selten auftürmte.

Sex und Politik sind die Pole, zwischen denen die künstlerische Summe des Festivals zu ziehen sein könnte – und doch: Pole von mäßiger Anziehungskraft. Sexszenen gab es zuhauf in den Filmen, nur regen sie niemanden mehr auf, selbst wenn sie sich wie in John Cameron Mitchells „Shortbus“ angestrengt am Körpermaterial eines Swingerclubs abarbeiten. Lange und doch nur wenige Jahre her die Cannes-Skandale um den Blowjob in Vincent Gallos „Brown Bunny“ oder die Vergewaltigungsszene in Gaspar Noes „Irréversible“. Das pornografisch abgeschmirgelte und postlibertäre Bildergedächtnis ist zu kaum einer Speicherlust mehr zu bewegen. Ja, es gab die full frontal nudity im chinesischen Wettbewerbsbeitrag „Summer Palace“ – aber ist nicht auch sie, als nationaler bildästhetischer Tabubruch, eher politisch zu werten?

Die Politik dagegen kam, der Siegerfilm mag hierfür ein Zeichen sein, meist im Gewand der Historie daher. Am – gegenwartspolitisch – bewegendsten ist sie in Rachid Boucharebs „Indigènes“ geraten, dessen männliche Schauspielerriege komplett ausgezeichnet wurde. Der Film schlägt ein wenig bekanntes Kapitel des Zweiten Weltkriegs in Frankreich auf und legt mit der Diskriminierung nordafrikanischer Kriegsfreiwilliger Wurzeln heutiger gesellschaftlicher Zerrissenheit frei. Und doch, wie hölzern! Oder der Uruguayer Israel Adrian Caetano: In „Crónica de una fuga“ bebildert er das Leiden von monatelang in einem Haus eingesperrten Argentiniern während der Militärdiktatur 1977. Aber warum mit gekippten Perspektiven und dem Getöse des Horrorfilms? Sind auch Terror und Folter nur mehr ein cineastischer Nervenkitzel?

Auch dort, wo Politik die Gegenwart berührt, scheuten die Filme meist die direkte Konfrontation. Unverstellte Politik, mit der Michael Moore 2004 die Goldene Palme holte, ist zur Zeit nicht sexy. Der Franzose Bruno Dumont, der den Großen Preis der Jury davontrug, schickt in „Flandres“ unbedarfte Dorfjungs in eine neuzeitliche Wüstenschlacht – und versteckt doch seine Verrohungskritik in einer letztlich reaktionären Liebesgeschichte. Der heimgekehrte Soldat und Vergewaltiger darf, sagen wir’s so drastisch, seinen Schwanz in Unschuld waschen. Am wirkungsvollsten bringt Alejandro Gonzáles Iñárritu Aktuelles in „Babel“ unter: amerikanische Terrorismus-Hysterie und die wachsende Feindschaft gegenüber den Latinos im eigenen Land finden unaufdringlich Platz in drei elegant kompilierten Familiengeschichten.

Dennoch, der Wurm war drin, von Anfang an. Dieser Cannes-Jahrgang begann mit einer doppelten Niederlage, für das Festival selbst und für die Tausenden von Filmjournalisten. Deutlicher formuliert: mit einer Demütigung. Schon vor einem Jahr hatte Sony Pictures den Start von „Da Vinci Code“ in 75 Ländern auf das erste Cannes-Wochenende terminiert – und die Festivalmacher damit vor eine delikate Wahl gestellt. Entweder eröffnet man mit dem Film und spendiert ihm den unverwechselbaren Medien-Hype extra, oder man stellt sich bewusst ins Abseits eines globalen Filmereignisses. Festival-Präsident Gilles Jacob, eigentlich ein Diplomat auf dem Thron, kommentierte die Termin-Nötigung so: „Es darf nicht der Markt sein, der unsere Auswahl bestimmt. Früher hätte man die Delikatesse gehabt, uns vorher zu fragen.“

Die Kritiker durften auf ihre Weise Wunden lecken. Das Buh-Konzert und ihre Totalverrisse nach der „Da Vinci Code“-Premiere gingen um die Welt, gleichzeitig setzte sich der Film in der Startwoche weltweit an die Spitze. Natürlich weiß die Branche, dass die Blockbuster-Produzenten sich mit immensem PR-Aufwand meist unmittelbar mit ihrem Publikum verständigen; aber der Kontrast zwischen kritischem Echo auf dem Prestige-Forum Cannes und Triumph auf den Weltmärkten war noch nie so scharf.

Welche Folgen der so schmerzhaft vor Augen geführte Paradigmenwechsel für das Selbstverständnis von Festivals hat, ist noch nicht ausgemacht. Unmittelbar ist eine Ernüchterung zu spüren. Schon heute funktionieren die großen Wettbewerbe – in Cannes am deutlichsten – nur mehr als renommiertes Beiwerk einer gigantischen Kirmes, auf der die aktuelle Weltfilmproduktion gehandelt wird. Einkäufer machen da gerne ein prominentes Schnäppchen, zumal wenn das eigentliche Marktangebot mager bleibt. Die meisten attraktiven Wettbewerbsfilme von Cannes aber waren diesmal bereits vorab verkauft; wenn dann das Restangebot schwer an den Mann zu bringen ist, titeln die Branchenmagazine schnell: „Where’s the beef?“ Oder „Variety“ diagnostiziert – schön böse – ein „ruhiges Cannes“.

Ein insgesamt lauer Cannes-Jahrgang, für alle Beteiligten. Da darf man schon mal zart patriotisch an Berlinale-Chef Dieter Kosslick appellieren, er möge doch nächstes Mal den Franzosen einen jener deutschen Filme überlassen, von denen die internationalen Medien und Einkäufer dieser Tage so vernehmlich schwärmten. Schließlich feiert Cannes demnächst 60. Jubiläum, mit großen Plänen. Sogar der 23 Jahre alte Festival-Bunker an der Croisette soll möglichst bald abgerissen und ersetzt werden – die Berlinale am schicken Potsdamer Platz und auch Venedig mit Neubau-Ideen für den Palazzo am Lido machen Cannes unruhig. Gilles Jacob nannte den Bunker im „Journal du Dimanche“ gestern munter „das letzte Überbleibsel der Maginot-Linie“. Der alte Verteidigungswall gegen die Deutschen? Filmkünstlerisch scheint er, nach den langen Jahren der Indifferenz, längst eingerissen.

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