Kultur : Brückenbauer vom Bosporus

Der Friedenspreis geht an Orhan Pamuk

Jörg Plath

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels macht seinem Namen dieses Jahr alle Ehre. Er wird dem türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk zuerkannt, der sich wie kein anderer mit den Problemen seines Landes befasst – und dem darüber der Frieden abhanden kam. Der 1952 geborene Pamuk erhielt Morddrohungen, nachdem er im Zürcher „Tages-Anzeiger“ den Mord an 300 000 Kurden und einer Million Armenier 1915 bis 1918 erwähnt hatte. Pamuk sagte daraufhin im Frühjahr die Lesereise für seinen Roman „Schnee“ (Hanser Verlag) durch Deutschland ab und versteckte sich.

Die Bücher des wohl bedeutendsten zeitgenössischen türkischen Autors zeugen von einer unvoreingenommenen, kraftvollen Fantasie, die sonst säuberlich geschiedenen Extreme aufeinander prallen lässt. „Schnee“ konfrontiert nationalistische und islamistische Überzeugungen. „Rot ist mein Name“ erzählt vom Widerstreit zwischen islamischer und europäischer Illustrationskunst um 1600, und „Das Neue Leben“ spricht von der Sehnsucht im anatolischen Jammertal.

Orhan Pamuk vermählt orientalische Üppigkeit und Postmoderne, Tradition und Ironie. Er ist vielleicht der letzte große Schriftsteller, dem der Realismus zur Allegorie gerät. Letztlich lassen sich die gewaltigen Kräfte, die in den acht Romanen herrschen, auf die Gegensätze von Okzident und Orient, Moderne und Tradition zurückführen. Für sie hat Pamuk schon in „Das neue Leben“ ein unvergessliches Bild gefunden: Auf der Busfahrt durch Anatolien hört sein Held Osman die Mitfahrer immer wieder über die koloniale Aggression des Westens gegenüber der Türkei klagen – während sie kein Auge von den amerikanischen Filmen im Monitor wenden.

Pamuks Schmerzen bei diesen erzählerischen Expeditionen in das Herz der türkischen Finsternis sind beinahe körperlich spürbar. Nach einem Architektur- und Journalistikstudium lebte er mehrere Jahre in den USA und war nach der Rückkehr in die Heimat entsetzt über deren Amerikanisierung. Mit dem „unsinnigen Nationalismus“ der Konservativen kann er sich freilich ebenso wenig anfreunden. Pamuk ist ein Vertreter einer weltoffenen Türkei, der eigene Traditionen selbstkritisch befragt und sich fremde nach Belieben aneignet. So einer zieht Hass auf sich.

Nun kommt Orhan Pamuk also doch nach Deutschland – dank der glücklichen Entscheidung, ihm den Friedenspreis zu verleihen. Die Zeremonie am 23. Oktober in der Frankfurter Paulskirche wird live vom ZDF übertragen. Bis dahin ist genug Zeit, sich von seinen Büchern faszinieren zu lassen.

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